Prekäre Welten

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Eva Maria Leuenberger – die spinne (2024) – Buchbesprechung

Die vielfach ausgezeichnete Lyrikerin Eva Maria Leuenberger ist bekannt für ihre unter die Haut gehenden Texte. In die spinne werden alle Schutzhüllen abgelegt und der Realität fest ins Auge geblickt. Etwas Endzeitliches haftet dem Langgedicht an, wenn es die Zerstörung der Natur verhandelt. Ohne jeglichen Moralismus und mit viel Zartheit schildert der Text, was mit dem Individuum und dem Körper geschieht, wenn das eigene Bewusstsein eine kollektive Schuld der Menschen entdeckt. „die spinne“ tastet Gefühle von Schuld und Scham, Ohnmacht und Hoffnungslosigkeit körperlich ab. Es stoßen starke, mächtige Bilder der Natur und subjektiver Wahrnehmung aufeinander. Innere Empfindung und äußere Eindrücke treten in ein faszinierendes Wechselspiel – und die Spinne ist ein immer präsentes Wesen, eine Zuschauerin des Geschehens. (Klappentext)

Buchtitel: die spinne
Autorin:Eva Maria Leuenberger
Erscheinungsjahr: 2024
Sprache: Deutsch
Verlag: Literaturverlag Droschl
Seiten: 96
ISBN 978-3-99059-164-2


Rezension:

Die 1991 geborene Schweizer Lyrikerin Eva Maria Leuenberger erhält im Mai 2025 für ihr 2024 veröffentlichtes Langgedicht die spinne den Schweizer Literaturpreis. In der Begründung der Jury wird auf die besondere poetische Reflexion der Autorin in Hinsicht auf die sich ereignenden Umweltkatastrophen hingewiesen. Räume für Widerstand, Sehnsucht, Traum und Mut sollen mit diesem Text eröffnet worden sein, angesichts einer Welt, die von heraufziehendem Unheil geprägt ist. Diesen wertschätzenden und selbst ein wenig hoffnungsfernen Worten ist wenig entgegenzusetzen. Fest steht: Die Auszeichnung hat sich die Autorin ohne Zweifel verdient. Der Text spricht für sich. Er löst ein, was an anderer Stelle gefordert wurde: „Es fehlt an Kunst, die die Klimakrise spürbar macht.“ (Radio Bern). Leuenberger hat diese Lücke offenbar gefüllt.

Wie aber kann Lyrik der Zerstörung unserer Welt gerecht werden, einer unausweichlichen Auflösung, in deren Zentrum wir uns wähnen, ihr aber nicht entfliehen können? Was ist charakteristisch für jenes Gefühl, mit dem Menschen plötzlich aufgewachen und sie seitdem nicht mehr verlassen will? Wo doch widerstrebende Gefühle eine Situation abbilden, der schwer zu entkommen ist. Was tun mit der Unwägbarkeit der Zukunft?

hörst du nicht die stimmen?
die gefallenen vögel?
asche, flügchen, überall
asche, kohle, brennendes öl,

du kommst hier
nicht hinaus.

flügchen heisst das das lyrische Ich, das als im Zentrum des Nicht-Geschehens steht. Schon der Name ist programmatisch. Flügge werden, jung und unbeschwert sein, eine verheissungsvolle Zukunft vor sich zu haben – das sind Assoziationen, die bei der Nennung dieses Names aufkommen mögen. Doch das Gefühl von Beginn und Hoffnung nützt sich sehr rasch ab, vermag nicht lange anzuhalten. Dem lähmenden Pessimismus ist kaum zu entkommen, er brandet unausweichlich ins Bewusstsein und bedroht die Hoffnung auf Zukunft.

Allein liegt flügchen in seinem Zimmer, dass nur aus Bett und Wänden zu bestehen scheint. Sie blickt auf eine schwarze, üppige Spinne, die aus dem dem Schreckenskabinett des Jeremias Gotthelf zu stammen scheint. In der Novelle aus dem Jahr 1842 überschwemmen dort Spinnen als Verkörperung des Bösen (des Teufels) ein gottloses Schweizer Dorf. Die unheimliche Spinne blickt flügchen unverwandt an. Ihre Augen scheinen die Bewegungsunfähige zu durchbohren. Wir wissen: Das Unheil hat schon längst seinen Lauf genommen.

Doch flügchen ist nicht erschrocken, sie fürchtet die Spinne nicht, fühlt sich vielmehr wie gebannt von ihr angezogen, mehr noch, sehnt sich nach ihrer Umarmung. Im Laufe des Gedichts verwandelt sich das Selbst zur Fliege, die sich im klebrigen Gewebe der Spinne verfängt und sich in eine Artgenossin verwandelt. Flügchen betritt nun, mit anderen Körpersensationen einen anderen Raum, jenen des Waldes, der Natur, und droht sich aufzulösen in der lähmenden Entropie der Welt.

In dieser Verwandlung, die auch etwas Tröstliches, Verbindendes zu haben scheint, sind Innenleben und Aussenwelt der Protagonistin nicht mehr voneinander abgrenzbar. Die Katastrophen der Welt – Feuer, Trockenheit, Artensterben, Eisschmelze – verbinden sich mit der Erschütterung des Ichs, das sich seiner nicht mehr sicher sein darf. Identität löst sich auf im Untergang. Aber festgehalten wird auch an mehreren Stellen des Textes: „Man gewöhnt sich an alles“. Auch die Auflösung des Selbst in der Natur kann voller Zärtlichkeit und Verzauberung sein.

In fünf Teilen und einer abschliessenden Coda macht uns die Lyrikerin auf die Zerbrechlichkeit einer Generation aufmerksam, die mit der ständigen Bedrohung durch Wandel, Zerfall und Katastrophe aufwachsen musste. Setzt man sich dem in diesem Text evozierten Gefühl der Verlorenheit aus, glaubt man mit einem Mal die Letzte Generation zu verstehen. Der Rezensent, selbst noch in einer Zeit geboren, in dem die Hoffnung ungebrochen gedeihen durfte, nimmt die neugewonnene Empathie mit in den Alltag. Doch er vermag inzwischen selbst die wage Hoffnung des Gedichts nicht mehr zu teilen:

flügchen:

du wirst das Ende nicht sehen
und auch der Anfang
ist bloss ein wort.
die faden flattern.
und trotzdem.
bleib hier.
bleib.


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