Prekäre Welten

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Marlen Haushofer: Die Wand (1963) – Buchbesprechung

Eine Frau will mit ihrer Cousine und deren Mann ein paar Tage in einem Jagdhaus in den Bergen verbringen. Nach der Ankunft unternimmt das Paar noch einen Gang ins nächste Dorf und kehrt nicht mehr zurück.
Am nächsten Morgen stößt die Frau auf ein unsichtbares, glattes, kühles Hindernis – eine unüberwindbare Wand, hinter der Totenstarre herrscht. Abgeschlossen von der übrigen Welt, richtet sie sich inmitten ihres eng umgrenzten Stücks Natur und umgeben von einigen zugelaufenen Tieren aufs Überleben ein…
(Klappentext)

Buchtitel: Die Wand
Autorin: Marlen Haushofer
Erscheinungsjahr: 1963
Sprache: Deutsch
Verlag: List
Seiten: 288
ISBN 9783548605715


Rezension:

Es gibt Bücher, die man gelesen haben möchte, um im Reigen der Literaturinteressierten mitdiskutieren zu können. Es gibt Bücher, die man schon nach einer Woche wieder vergessen hat, weil sie nichts sagend waren. Es gibt Bücher, die man zur falschen Zeit liest, weil man für sie noch nicht bereit ist. Und es gibt Bücher, wie jenes von Marlen Haushofer, die man jahrzehnte nach ihrer Ersterscheinung noch einmal lesen sollte, auch weil sie auf eine neue Interpretation warten. Tempora mutantur, nos et mutamur in illis!

Die Wand erschien 1963 als dritter (und erfolgreichster Roman der Autorin), wurde aber erst seit den 80er Jahren ein viel besprochenes Buch der österreichischen Literatur. Dieses hat sich vor allem durch die Rezeption (und manchmal Verklärung) der Frauenbewegung einen Namen gemacht. Es war zu Lebzeiten der Autorin ihr grösster, aber ein trotzdem bescheidener Erfolg. Angemessen rezipiert wurde es erst Jahrzehnte nach ihrem Tod.

Die Einschätzungen des Buches unterschiedlich. Sie reichen von der begeisterten, aber doch deutlich überzogenen Interpretation, dass Die Wand ein feministisches Manifest darstelle bis hin zur Verklärung als radikale Zivilisationskritik oder zum Gerede von einer weiblichen Robinsonade. Im Reigen des Feuilletons durften natürlich auch (linke) Zyniker nicht fehlen, die mangels einer verständigen Lektüre das Werk als Hervorbringung einer „Stricklieslfraktion“ verunglimpften. Und ja, es ist auch unbefriedigend, das Buch als Frühwerk des Ökofeminismus zu lesen, den es heute ohnehin nur mehr als Begriff zu geben scheint. Wahrscheinlich halte ich es mit der deutschen Schriftstellerin und Literaturkritikerin Elke Heidenreich, die das Buch als eines der 10 wichtigsten Bücher ihres Lebens bezeichnet hat. Jedenfalls gehört es zu den Wichtigsten.

All diese Einordnungsversuche haben aber meine Zweitlektüre nur am Rande berührt. Manchmal vertraue ich bei Bucheinschätzungen lieber meinen hermeneutischen Fähigkeiten und einem im Grunde assoziativen Diskurs zwischen dem Text und meinen Erfahrungen. Möglicherweise helfen persönliche Leseerfahrungen mehr als glatte Interpretationen des Feuilletons, die die Füsse nicht auf den Boden bringen. Damit genug der Polemik.

Zunächst: Ich habe mich gerne mit der Erzählerin hinter die von ihr errichtete gläserne Wand zurückgezogen, die ihre Welt nicht nur als einen Raum umschliesst, sondern auch die Toten von den Lebenden und die Vergangenheit von der Gegenwart trennt. Darin geht es unter Ausserachtlassung der Alltagsrealität um genaue Beobachtung und einem grösstmöglichen Mass an Ehrlichkeit. Niemand verlangt an diesem Ort Rechtfertigung für Tun und Denken.

Nein, ich meine nicht, dass es sich bei Der Wand um autofiktionales Schreiben handelt. Der hermetische Raum, in den die Erzählerin einlädt und an dem wir teilhaben dürfen, ist so real wie phantastisch, so schrecklich wie wunderbar, so präzise wie gedankenverloren. Auf einmal öffnet sich eine Welt, die uns ermöglicht, Teil von ihr zu werden. In ihm vermögen wir jene Rollen zu überdenken, die wir dem eigenen Leben und den Lebewesen rund um uns zugeteilt haben. Es ist eine Welt existenzieller Not und Einsamkeit, in der die Protagonistin mangels Alternativen ganz bei sich bleibt und dabei aus dem Vollen der Beobachtung schöpft. Ähnlich wie Kafka in seiner Verwandlung die Gründe der eingetretenen Katastrophe unbenannt lässt, interessiert sich die Erzählerin der Wand für die Ursache der Absonderung nur am Rande. Es habe keinen Sinn, über die Ursachen nachzudenken, meint sie. Man könne nur warten und versuchen, am Leben zu bleiben. Die Protagonistin bleibt so ganz bei sich und in der neuen Situation, distanziert sich von ihr nur durch einen Bericht, den sie verfasst. Sie spekuliert auf keine Leserschaft, die vielleicht so wie sie die Katastrophe überlebt haben könnte:

„… es hat sich eben so für mich ergeben, dass ich schreiben muss, wenn ich nicht den Verstand verlieren will. Es ist ja keiner da, der für mich denken und sorgen könnte. Ich bin ganz allein und ich muss versuchen, die langen dunklen Wintermonate zu überstehen.“

Doch so allein, wie hier insinuiert, ist die Protagonistin nicht. Sie umgibt sich mit Tieren, die ebenso wie sie hinter der Wand gefangen sind: ein Hund, Katzen, Rinder. Denen wird sie sich gezwungenermassen annähern, um mit ihnen und von ihnen zu leben. Mit ihnen nimmt sie den Dialog auf, so weit wie dies auch nur zwischen Mensch und Tier gelingen kann. Eine tiefe Beziehung und Verständnis entsteht zwischen beiden, weit über das sonst übliche Verhalten zwischen Lebewesen hinaus. Dieser empathische Dialog ist unantastbar, niemand wage ihn zu stören. Als dies nun doch durch einen Fremden geschieht, bedeutet das sein Todesurteil, ohne dass die Protagonistin auch nur einen Augenblick darüber nachdenken müsste. Sie erschiesst ihn mit dem Jagdgewehr.

Genau wie es der Erzählerin mit zunehmender Zeit gelingt, den Tieren und der Natur „zuzuhören“ und in sie einzufühlen, gelingt es ihr, mich als Leser in ihre Welt hineinzuziehen und MEINE Fähigkeit zuzuhören, zu vermehren. Assoziationen fallen mir bei der Lektüre zu, die schon lange darauf gewartet haben, in meinen Kosmos eingeordnet zu werden.

Gedanken an die französische Philosophin Corine Pelluchon etwa, die mit ihrer Moralphilosophie versucht, eine neue Aufklärung zu begründen. Sie drängt auf eine Neuregelung der Herrschaftsverhältnisse zwischen Mensch und Tier und ruft zu einer Vertiefung der Fähigkeit zu Empathie auf (Manifest der Tiere, 2020). Genau das löst die Erzählerin der Wand in ihrer krisenhaften Lebenssituation ein: „Ich hatte ja nur noch die Tiere, und ich fing an, mich als Oberhaupt unserer merkwürdigen Familie zu fühlen.“ Doch es geht wohl weit über eine neue Empathie hinaus, was der Text in sich birgt.

Ein zweiter Gedanke: Auf einmal glaube ich besser zu zu verstehen, was Dana Haraway mit ihrer „Verwandtschaft der Arten im Chthuluzän“ (2018) beschrieben hat. Ihrer Ansicht nach solle nicht mehr der Mensch im Mittelpunkt einer noch zu gestaltenden Epoche stehen, sondern die Arten selbst. Gegenerzählungen sollen entstehen, die das Verhältnis zwischen den Arten neu zu ordnen imstande sind.

Marlen Haushofer war meines Erachtens auf dem besten Weg, diese Gegenerzählung zu formulieren, dies Jahrzehnte vor dem empörten Aufschrei von Umweltbewegung und Naturschutz:

„Seit seinem (des Hundes) Tod träume ich viel von Tieren. Sie reden zu mir wie Menschen, und es erscheint mir im Traum ganz natürlich. Die Menschen, die im ersten Winter meinen Schlaf bevölkerten, sind ganz fortgegangen. Ich sehe sie nie mehr.“

Die neue Verwandtschaft zwischen den Arten geht bei Haushofer so weit, dass die Protagonistin sogar ihre innere Freiheit, Entscheidungen zu treffen, leugnet:

„Ich kann nicht sehen, was daran unehrenhaft sein sollte, wie jedes Tier die auferlegte Last zu tragen und letzten Endes wie jedes Tier zu sterben.“

Natürlich, gerne möchte man das Buch auch als ein Untergangsszenario lesen und seine Welt als eine post-apokalyptische begreifen. Der Protagonistin ist schliesslich unerwartet und mit einem Schlag ihre gesamte Welt abhanden gekommen. Doch wir, die wir uns in der Welt der Protagonistin eingefunden haben, erfahren, dass die Reflexion auf all das Verloren gegangene schon bald nicht mehr zählt. Der Fokus der Erzählung ist auf das Unmittelbare gerichtet ist, es geht um die Anerkennung der neuen Realität und nicht um die Trauer über das Verlorene. Eine Protagonistin verliert sich in der sie umgebenden Natur und erwirbt ein neues Verständnis für sie.

Marlen Haushofer ist es gelungen, ein Stück Nature Writing vorzulegen, das sich gerne mit Walden von Henry David Thoreau (1854), dem Klassiker des Genres, messen kann. Es ist radikaler, handelt es sich doch nicht um die Geschichte einer Aussteigerin, sondern um ein tatsächlich neues, radikales Leben mit all seinen äusseren und inneren Gefährdungen. Es weiss, wie es sich anfühlt, mit seinem Universum zum Tode hin gefährdet zu sein. Sie orientiert sich angesichts der Katastrophe um und denkt die Welt neu.


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Eine Antwort zu „Marlen Haushofer: Die Wand (1963) – Buchbesprechung”.

  1. Avatar von Eva Reisinger: Männer töten (2023) – Buchbesprechung – Prekäre Welten
    Eva Reisinger: Männer töten (2023) – Buchbesprechung – Prekäre Welten

    […] ja schon mehrmals Utopien über männerlose Gesellschaften rezensiert: etwa Marlen Haushofers Die Wand (1963) oder Lilly Gollackners Die Schattenmacherin (2024). Während Haushofer noch eine stille […]

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