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Franz Kafka: Die Verwandlung (1915) – Buchbesprechung

Die Verwandlung vom Menschen zum Käfer: kraftvolle Metaphern und innovative Erzählweise. »Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt.« Schon der erste Satz von Franz Kafkas Erzählung hat Kultstatus erreicht, denn der sachliche Erzählstil lässt Gregor Samsas Metamorphose noch ungeheuerlicher scheinen. (Klappentext)

Buchtitel: Die Verwandlung
Autor: Franz Kafka
Erscheinungsjahr: 1955
Sprache: Deutsch
Verlag: Reclam
Seiten: 88
ISBN 978-3-15-009900-1
Ersterscheinungsjahr: 1915

Das E-Book ist beim Projekt Gutenberg kostenfrei downloadbar.


Rezension:

»Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt.«

Dieser Satz zu Beginn der Novelle ist ein grossartiger Kunstgriff. Er eröffnet in nüchterner Sprache eine fantastische Welt, die sich gebieterisch die Realität unterordnet. An keiner Stelle der Novelle geht es um die Ursachen des unerhörten Vorfalls. Die Vorgeschichte interessiert nicht. Beschrieben werden soll, wie das Undenkbare in das Leben einer Familie einbricht und sie zu zersetzen vermag. Alle müssen sich mit der Katastrophe abfinden, der junge Gregor Samsa, seine Familie und seine Arbeitskollegen. Auch wir, die Leser*innen, werden Teil des Unerklärlichen. Wie mit einem Schalter hat Kafka die Wirklichkeit ausser Kraft gesetzt und uns in eine neue Welt versetzt.

Der Text konstituiert den literarischen Topos der Verwandlung vom Menschen zum Tier, der in Erzählungen der Gegenwart in immer neuen Variationen erscheint. Der Film ist heute sein Protagonist. Die Angst vor abweichender Körperlichkeit und dem physischem Verfall wird im Diskurs unentwegt behandelt, sei es auch nur aus ökonomischen Motiven.

Möglicherweise haben wir zu viel über ähnliche Metamorphosen und Gestaltwandlungen gelesen, um die Bedeutung von Kafkas grandiosem Text schätzen zu können. Seine Novelle mag selbst heute nachhaltig zu verstören: durch den unerhörten Vorfall selbst, die nüchterne und knappe Sprache, die unerbittliche (und in sich logische) Handlung, letztendlich durch das Understatement des Vorfalls. Sie vermag eine „Ursituation“ individueller und kollektiver Erfahrung abzubilden: Verstörung, Entfremdung, gesellschaftlichen Tod und die Selbstaufgabe menschlicher Identität. Sie bleibt bis heute „eine ausnehmend ekelhafte Geschichte“, wie sie Kafka einmal selbst genannt hat. Da wirken viele der modernen Metamorphosen mit ihren plakativen Gruselelementen und protzigen Inszenierungen zahnlos.

Die Verwandlung Gregor Samsas zum Insekt verändert eine ganze Welt. Mit einem Male sieht sich die Familie, in deren Wohnung er ein Zimmer bewohnt, nicht nur des Sohnes und Bruders beraubt, sondern auch des wichtigsten finanziellen Beiträgers. Durch seine Verwandlung zum Insekt gerät der bürgerliche Haushalt daher nicht nur in grosse emotionale sondern auch finanzielle Nöte. Der gesellschaftliche Abstieg droht. Mit subalternen Jobs hält man einen reduzierten Lebensstandard, Untermieter müssen aufgenommen, das Dienstmädchen entlassen werden. Die vom Vater heimlich angelegten Ersparnisse dürfen in bürgerlicher Manier nicht angerührt werden. Sie sind für den Notfall bestimmt, jedoch: Was könnte denn ein Notfall sein, wenn nicht der Skandal der Verwandlung?

Auch darüber kann mit dem Insektenmenschen nicht gesprochen werden. Denn die Kommunikation mit seiner anfangs entsetzten, dann aber merkwürdig resignierenden und verleugnenden Familie ist grundlegend gestört. Weder Mitleid schlägt ihm entgegen noch Hilfe wird ihm angeboten, um dem Rätsel der Verwandlung entgegen zu treten. Die gemeinsame Sprache hat sich aufgelöst und damit das zentrale Instrument des Zusammenlebens. Gregor Samsa kann zwar seine Mitbewohner*innen verstehen, sich aber selbst nur mehr als Insekt mitteilen. Nach den anfänglichen Versuchen, sich als gutwillig und verständig zu präsentieren, führen gerade diese skurril-tollpatschigen Kommunikationsversuche von einer Katastrophe zur Nächsten. Als er letztendlich auch die neuen Untermieter der Familie verstört, hält ihn nur mehr wenig in seinem Menschsein. Auch die geliebte Schwester lässt ihn im Stich. Der Bruch ist vollzogen. Doch auch in seiner Insektenhaftigkeit verstummt Gregor Samsa immer mehr. Die Ursachen für seine vollständige Paralyse sind nicht klar, aber für den inszenierten Schrecken nicht wichtig. Eines Tages existiert er nicht mehr, abgemagert und tot liegt er in einer Ecke. Sehr zur Erleichterung seiner Familie, die nun ohne die absurde und unannehmbare Belastung eines Insektensohns weiterleben darf. Den Schlusspunkt der Novelle bildet eine Szenerie, die mit der bisherigen Erzählperspektive bricht, die bisher immer in Nähe zu Gregor Samsa erzählt hat. Ein neutraler Erzähler berichtet vom wieder gefundenen Familienfrieden. Die Familie ist vom Sohn befreit. Eine Idylle eröffnet sich, ohne den Ballast der Trauerarbeit:

„Da verliessen alle drei gemeinschaftlich die Wohnung, was sie schon seit Monaten nicht getan hatten, und fuhren mit der Elektrischen ins Freie vor der Stadt. Der Wagen, in dem sie alleine sassen, war von warmer Sonne durchschienen. Sie besprachen, bequem auf ihren Sitzen zurückgelehnt, die Aussichten für die Zukunft, und es fand sich, dass diese bei näherer Betrachtung, durchaus nicht schlecht waren …“

Die konservative Literaturkritik hat Kafkas „kleine Geschichte“ nur allzu oft als Ausdruck einer Familiengeschichte deuten wollen und tut das mitunter bis heute. Doch die Novelle allein als Abrechnung mit Kafkas Familiengeschichte zu lesen, behindert den Blick auf die universale Aussage des Textes. Es geht nicht nur um ein literarisch verdichtetes Familiendrama in phantastischen Gewand. Vielmehr zielt der Text auf existenzielle Katastrophen, die das Individuum mitunter ohne Vorwarnung überfällt. Sie werden erahnt in unruhigen Träumen und nach ihrem Eintreten schon bald als die Normalität akzeptiert. Gegen Entfremdung kann wohl nichts unternommen werden. Hineingeboren in eine Welt, deren Mechanismen und Katastrophen nicht verstanden werden, kommt der Mensch genau wie Gregor Samsa in aller Banalität zu Tode.

Was also, wenn wir unkontrollierbare Verwandlungen der eigenen Körperlichkeit erfahren? David Cronenberg, der kanadische Filmregisseur und Spezialist für Body Horror und Science Fiction hat diesen Vorgang am Beispiel des alternden Individuums zu erklären versucht. Sich plötzlich, mit siebzig Jahren, in einer vergleichbaren Situation wie Gregor Samsa wiederzufinden, das mag zunächst absurd klingen. Trotzdem: Er vergleicht das Ereignis seines Geburtstages mit dem Erwachen Gregor Samsas aus unruhigen Träumen, beide sind eine tiefgreifende Zäsur:

„These two scenarios, mine and Gregor’s, seem so different, one might ask why I even bother to compare them. The source of the transformations is the same, I argue: we have both awakened to a forced awareness of what we really are, and that awareness is profound and irreversible; in each case, the delusion soon proves to be a new, mandatory reality, and life does not continue as it did.“

Cronenberg fragt weiter:

„What about me? Is my seventieth birthday a death sentence? Of course, yes, it is, and in some ways it has sealed me within myself as surely as if I had suffered a total paralysis.“

Cronenberg leitet nach dieser Feststellung zu seinem 1986 gedrehten und richtungsweisenden Film „The Fly“ über, in der ein Wissenschafter durch einen Unfall in einer Versuchsanordnung sich in eine Fliege verwandelt und schliesslich körperlich auflöst. Seine Verwandlung ist ebenso eine zufällige, aber anders wie bei Kafka sinnträchtige Science Fiction geworden. Der Sprung von literarischer Imagination des Fin de Sciecle zum Body Horror der Fantastik ist vollzogen.

Die Verwandlung ist ein Klassiker der literarischen Moderne, aber auch ein Schlüsselwerk der Fantastik des 20. Jahrhunderts. Auch aus diesem Grund lohnt es sich, die Novelle zum wiederholten Male zu lesen. Die Paralyse des Menschen ist Teil der seiner Existenz geblieben.


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