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Gustav Meyrink: Der Golem (1915) – Buchbesprechung

Im siebzehnten Jahrhundert soll Rabbi Löw nach verlorenengegangenen Schriften der Kabbala einen künstlichen Menschen – den Golem – geschaffen haben. Nur eine alte Legende? Ein Traumgespinst? Ein Gespenst des kollektiven Unbewussten? Gustav Meyrink schrieb in der Tradition der schwarzen Romantik einen der ersten und unheimlichsten phantastischen Romane deutscher Sprache. (Klappentext).

Buchtitel: Der Golem
Autorin: Gustav Meyrink
Erscheinungsjahr: 1915/2011
Sprache: Deutsch
Verlag: Fischer
Seiten: 288
ISBN 978-3-596-90325-2

Das E-Book ist beim Projekt Gutenberg kostenfrei downloadbar.


Rezension

Eines der herausragendsten Werke der okkulten Phantastik des Fin de Siècle ist neben Alfred Kubins Roman Die andere Seite (1909) Gustav Meyrinks Der Golem. Dieser wurde zunächst abschnittsweise von 1913 bis 1914 als Fortsetzungsroman in der Zeitschrift Die Weissen Blätter veröffentlicht, und dann 1915 als Buch publiziert. Literarische Bearbeitungen des Golem-Themas gab es vorher schon viele, etwa von E.T.A. Hoffmann, Annette von Droste-Hülshoff, Theodor Storm bis zu Paul Celan. Überraschend ist aber der grosse Erfolg des Romans von Gustav Meyrink. Zurückzuführen ist das nicht nur auf die Beliebtheit des Stoffes in seiner Zeit (vgl. etwa die drei Stummfilme über den Golem von Paul Wegener 1915 – 1920), und die unheimliche Szenerien und okkulten Themen, die die Handlung beszimmen, sondern auch auf die intensiv betriebene Werbung, die die Veröffentöichung begleitete: als moderne Detektiv- und Horrorgeschichte um den Dämon von Prag.

Bis heute ist der Golem ein beliebtes und die Welt der Phantastik bereicherndes Thema, das vor allem durch die Filmindustrie in oft abgewandelter Form aufgenommen wurde. Er stellt den Prototyp des modernen Superhelden dar, der Beschützer und Aussenseiter zugleich, in Filmfiguren wie Superman, Ironman und Hulk Nachhall findet.

Der Golem, ein angeblich vom Rabbiner Judah Löw mittels Buchstabenmystik aus Lehm und Erde erschaffenes, stummes, menschenähnliches Wesen, ist ursprünglich Teil der jüdischen Überlieferung. Die Legende tauchte 1836 erstmals in Druck als sgn. Prager Golem auf. Es war als künstlich geschaffenes Wesen erdacht, dass die Feinde der Prager Juden bekämpfen sollte.

Es ist also keine besondere Überraschung, dass der Autor den Golem als Thema seines Buches gewählt hat. Meyrink hat In Prag gelebt, seine Biographie ist geprägt von einer sehr eklektischen Auseinandersetzung mit den unterschiedlichen okkulten Strömungen, die gerade unter den Intellektuellen seiner Zeit weite Verbreitung gefunden hatte. Meyrink hat sich spätestems nach seinem finanziellen Ruin als Bankier und einem Selbstmordversuch okkulten Themen zugewandt. Er beschäftigte sich mit Hypnose, Spiritismus. Metaphysik und Mystik. Das spiegelt sich auch in seinem Roman wieder, welcher unterschiedliche okkulte Versatzstücke nutzt, um so der Selbstfindung seines Protagonisten Athanasius Pernath neben einer verwirrend und unglaubwürdig erzählten Kriminalgeschichte den nötigen esoterischen Anstrich zu geben. Ungeniert bedient sich Meyrinkk der Theorie eines offenbar in der Realität wirksamen „Seelischen Fluidums“ (Camille Flammarion), einer angenommenen zyklischen (alle 33 Jahre stattfindenden) Wiederkehr des Golems, der kaballistischen Lesart des Tarock – Kartenspiels und des Gedankens der Seelenwanderung. Aus dieser Gemengelage entsteht ein recht verwirrter und verwirrender Roman, dessen Stärke wohl eher in den düsteren und erschreckenden Szenen aus dem Prager Judenghetto zu finden ist, als in einer spannungsgeladenen Handlung oder einer logisch nachvollziehbaren H<ndlung.

Fälschlicherweise wurde der Roman schon zu seinen Entstehungszeiten bis in die Gegenwart als ein Roman über die Entstehung und Wirkungsweise des Golem betrachtet. Wahr hingegen ist, dass sich Meyrink allein der unheimlichen Elemente der Legende bedient und sie erzählerisch ausschmückt. Im Roman selbst heisst es folgerichtig:

„Wer kann sagen, dass er über den Golem etwas wisse“? antwortete Zwack und zuckte die Achseln. „Man verweist ihn ins Reich der Sage, bis sich eines Tages in den Gassen ein Ereignis vollzieht, das ihn plötzlich wieder aufleben lässt. Und eine Zeitlang spricht dann jeder von ihm, und die Gerüchte wachsen ins Ungeheuerliche.“

So glaubt der ich-Erzähler Athanasius Pernath plötzlich vor einer Inkarnation des Golems gestanden zu haben, als ihn ein Mann aufsucht, um ihm ein Buch zur Reparatur zu übergeben, dessen am Einband angebrachte Initiale „I“ kaputtgegangen ist. I steht für das jüdische Wort Ibbur und bedeutet Seelenwanderung. In einer Art Tagtraumsequenz hängt Pernath dem Inhalt des Buches nach, eine Phantasie das im Auftauchen eines Hermaphroditen (der Vereinigung von Mann und Frau) endet. Der Überbringer des Buches ist in der Zwischenzeit verschwunden. Pernats Seelenwanderung hat begonnen.

Derartige Wahnvorstellungen überwältigen den Protagonisten immer wieder. Einmal erforscht er im Labyrinth der Stadt ein nach geheimnisumwittertes, aussen hin abgeschlossenes Zimmer, in welchem er die abgetragene Kleidung des Golems aufzufinden glaubt, ein anderes Mal wird er auf der Strasse mit dem Golem verwechselt und Passanten flüchten entsetzt vor ihm. Ist Athanasius Pernath der Doppelgänger des Golem?

Bald erfahren wir, dass er seit seiner Jugend wegen einer enttäuschten Liebe psychisch erkrankt ist und sich in die Abgeschlossenheit des jüdischen Ghettos zurückgezogen hat. Immer wieder belasten ihn Symptome dieser Verdrängung und lassen ihn gewalttätigen Phantasien durchleben. Die Gebäude des Ghettos erscheinen ihm als personalisierter Schrecken, die Menschen als Ausgestossene in all ihrer Hässlichkeit. Vor allem in Bezug auf die ihn begegnenden Mädchen und Frauen durchlebt er Ambiguitäten und Phantasien. Seine Beziehungen zu ihnen schwanken zwischen idealistischer Verehrung (Miriam), traumatischer Anspannung (Angelina) oder gar misogyner Abscheu (Rosina). Von letzterer weiss er zu berichten: „Mir ekelte vor ihrem zudringlichen Lächeln und diesem gläsernen Schaukelpferdgesicht.“

Selbst dem Erzähler, mehr Delirierender als Chronist der Handlung, kann die Erzählung nicht völlig unverdächtig sein. In der Rahmenhandlung erfahren wir, dass wir uns eigentlich in einem Traum befinden, der durch die Verwechslung eines Hutes ausgelöst wurde. Wir unternehmen eine Zeitreise in das Jüdischen Ghetto von Prag, das zum Zeitpunkt der Rahmenhandlung gar nicht mehr existiert. Die Binnenhandlung ist wiederum von mehreren Erzählsträngen gekennzeichnet: einer recht umfangreichen Kriminalhandlung, in die Pernath durch seine Beziehung zu Angelina hineingezogen wird; einer Identitätssuche, die sich zwischen Erinnerungsschmerz an eine verlorene Liebe und der Verehrung der sublim überhöhten Mirijam bewegt; und schliesslich einer Horrorgeschichte, die zwischen Esoterik und Gothic schwankt, und in der auch Teile der Golemlegende ihren Platz finden.

Insgesamt ist das Buch ein doch in die Jahre gekommener Roman, dessen expressionistische Sprache, pseudo-pychologische Charakterführung und verwirrende Handlung wohl nur mehr aus historischem Interesse gelesen werden kann. Wertvoll ist sie aber für all jene, die sich für literarische Bearbeitungen der Golem – Legende interessieren und ihren Einfluss auf heutige mediale Bearbeitungen des Stoffes interessieren. Nur manchmal blitzt etwas auf, das bis heute wohl seinen literarischen Wert für die Phantastik behalten hat: die Schilderungen des Unheimlichen, des Hässlichen und sich selbst Entfremdeten. Da vermag der Roman auch heute noch zu interessieren.


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