Prekäre Welten

Das Online-Magazin für
Spekulative Literatur

Simone Weinmann: Die Erinnerung an unbekannte Städte (2021) – Buchbesprechung

Nathanael ist fünfzehn, als seine Eltern ihn aus der Schule nehmen, obwohl er ein so begabter wie wissbegieriger Schüler ist und unbedingt Arzt werden möchte. Aber seine Mutter hat eine Laufbahn als Prediger für ihn vorgesehen, und Universitäten gibt es nicht mehr. Oder doch? Nathanael hat von einem Polytechnikum in Italien gehört und beschließt, dorthin aufzubrechen. Auch Vanessa, eine Mitschülerin, will weg aus der Enge des Dorfs. Bei Nacht und Nebel brechen sie gemeinsam auf. Als man ihre Abwesenheit entdeckt, wird ihnen Lehrer Ludwig nachgeschickt. Anders als die Jugendlichen erinnert er sich noch an die Zeit vor der Katastrophe und hofft auf keine Besserung mehr. Seine Schüler aber kann er nicht im Stich lassen, und der Weg durchs gesetzlose Gebiet ist gefährlich. In ihrem spannenden dystopischen Roman erzählt Simone Weinmann von einer Welt, die nur noch entfernt der unseren ähnelt: Worauf werden die Menschen bauen, wenn sie den technischen Fortschritt verlieren, wenn es keinen Strom mehr gibt? Werden sie sich an den Glauben klammern oder von Wissensdurst getrieben ihre Zukunft selbst in die Hand nehmen? Leise und tastend, aber umso eindringlicher schildert Simone Weinmann ein archaisches Leben, in dem der Verlust gesellschaftlichen und technischen Fortschritts erschreckend deutlich wird. (Klappentext)

Buchtitel: Die Erinnerung an unbekannte Städte.
Autorin: Simone Weinmann
Erscheinungsjahr: 2021
Sprache: Deutsch
Verlag: Antje Kunstmann
Seiten: 272
ISBN 978-3-95614-453-0


Rezension:

Bei den ersten Seiten der Lektüre dieses Buches fühle ich mich an That’s life in Dystopia von Johanna Grillmayer erinnert, das erst kürzlich auf Prekäre Welten besprochen wurde. Denn auch bei Simone Weinmann haben wir es mit einer Post-Apokalypse zu tun, in der die Menschheit in ein vorindustrielles Zeitalter zurückgeworfen wird. Auch hier begegnen wir dem Entwurf einer Mangelgesellschaft, die mit knappen Ressourcen leben muss. Die Katastrophe ereignete sich in der nahen Vergangenheit und ein Grossteil der Menschheit ist dabei zugrunde gegangen. Die Menschen kämpfen um ihr Überleben und versuchen die Vergangenheit zu verdrängen.

Während aber Grillmayers Dystopia sich zum Optimismus einer progressiv – beschwingten Landkommune verleiten lässt, schildert Weinmann eine Dorfgemeinschaft, die sich in eine sektenhaft anmutende Lebensführung zurückgezogen hat, und das frühere Leben als sündhaft verurteilt. Ein Dorf kompensiert den Verlust von Wohlstand und Sicherheit durch Gebete, Bildungs- und Wissenschaftsfeindlichkeit und eine Gesellschaftsordnung, in der das religiöse Oberhaupt der Gemeinde den Ton angibt. Um die Atmosphäre dieser Gesellschaft zu entwickeln, nimmt sich die Erzählerin viel Zeit, denn gegen diese Folie des gesellschaftlichen Stillstands entwickelt sie Schritt für Schritt ihre drei Protagonist*innen.

Das Dorf in Zone Nord 1 ist Teil eines Gebietszusammenschlusses, welche von einer Soldateska das Sagen hat. Die militärisch organisierte Zentrale kontrolliert die verfügbaren Ressourcen in ihrem Machtbereich und sorgt für eine gewisse Sicherheit der Bewohner*innen. Die Dorfbewohner widmen sich ganz ihrem Glauben und befolgen die Lehren einer Prophetin, die im sgn. Evangelium des Staubes aufgezeichnet sind. Die Lebenssituation der Menschen ist darüber hinaus eine äusserst prekäre. Ohne einem funktionierenden Stromnetz, hinreichende Bildung, medizinische Versorgung und technischem Wissen können sie ihr Überleben nur ungenügend absichern. Angeleitet von einem Prediger und dessen fanatischer Verbündeten Petra, verfallen die Menschen in eine Art sture Selbstgenügsamkeit und kontrollieren jeden Aussenkontakt ihrer Mitglieder mit Misstrauen.

Angesichts dieser sozialen und intellektuellen Enge flüchten zwei Jugendliche aus dem Dorf. Nathanael, weil er auf Anordnung der Eltern die von ihm geliebte Schule verlassen soll, um zum Prediger ausgebildet zu werden und Vanessa, die ihrer Überforderung durch eine depressive Mutter und einen ungeliebten Stiefvater entfliehen will. Während Nathanael eher dem neugierigen, wissenschaftlich veranlagten Typus entspricht, stellt uns die Erzählerin Vanessa als tatkräftiges und abenteuerlustiges Mädchen vor, das neugierig auf ein Leben jenseits der Beschränkungen durch ihrer Familie ist. Beide zieht es in den Süden, wo ein stillgelegter Eisenbahntunnel sie in eine andere Region bringen soll. Den wissensdurstigen Nathanael lockt eine technische Schule, die er dort besuchen will, Vanessa erträumt sich ein Leben voller Überraschungen und Abenteuer.

Die Reise führt durch ein gesetzloses, unkontrolliertes Gebiet:

„Vanessa breitete die Karte auf dem Boden aus. Ja. Das Gebiet war von Hand schraffiert, so wie sie es in Erinnerung hatte. Es hätte also menschenleer sein sollen. Trotzdem waren dort eindeutig Menschen. Menschen, die ohne den Schutz einer Zentrale lebten, ohne Gesetze und ohne Soldaten. Die Leute ermordeten einander dafür, dass einer dem anderen ein Brot klaute oder ihn auch nur schief anschaute, hatte Vanessas Mutter gesagt, und würden von niemanden bestraft.“

Um die beiden Ausreisser*innen zurückzubringen, wird ihnen der Lehrer Ludwig hinterhergeschickt, selbst eine Person, die unter der intellektuellen Enge des Dorfes leidet, eine Einbindung ins Militär aber verweigert. Alle drei Personen fühlen sich dem Streben nach Veränderung und Fortschritt verpflichtet, trotz all der Gefährdungen, die sie auf ihrer Reise auf sich nehmen müssen. Damit stellen sie einen Gegenpol zum Gesellschaftsmodell der Dorfgemeinschaft dar. Während die Religiösen die Errungenschaften der Vergangenheit verleugnen und die Katastrophe als eine Strafe für schuldhaftes Verhalten begreifen, versuchen die Erkenntnishungrigen an die aufklärerische Tradition der untergegangenen Welt anzuschliessen und glauben an Veränderung.

Schliesslich kommt es in dem Tunnel, den die Flüchtenden passieren müssen, zu einem ereignisreichen und spannend erzählten Finale. Ein wenig erinnert dieses Schlusskapitels an die die gleichnamige Kurzgeschichte von Alfred Dürrenmatt aus dem Jahr 1952.

Die Schweizer Autorin Simone Weinmann hat mit ihrem Debutroman ein beeindruckendes Buch vorgelegt, das mit präzis-nüchterner Sprache und einfühlsamen Ton die Welt ihrer drei Protagonist*innen abbilden kann, ohne in die üblichen Muster Post-Apokalyptischer Texte zu verfallen. Die Handlungen der von ihr beschriebenen Personen sind gut nachvollziehbar und entziehen sich erzählerischen Klischees. Eine unbedingte Leseempfehlung!


Entdecke mehr von Prekäre Welten

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Hinterlasse einen Kommentar