„Und diesen Tee wollen sie entführen und selbst anbauen?“
Sanft wehen die Teeblätter im Wind, wachsen und gedeihen, bis sie irgendwann gemütlich in Tassen überall in Sygna landen. Doch in die Einfachheit einer Tasse Tee mischen sich Geheimnisse rund um Ernte, Verkauf und am Ende gar Tee-Betrug! Es sind ungewöhnliche Spione, die auf den Weg geschickt werden, um den aromatischen Genuss zu retten. Und über allem liegt ein Hauch von Theaternebel und Abenteuer.
Rezension
Diesmal unternimmt Prekäre Welten einen seiner seltenen Ausflüge in die Welt der Fantasy, genauer gesagt in das Nischengenre der Gunpowder – Fantasy. Gleich zu Beginn also eine Erregung: Was haben Phantastik-Begeisterte an Nischenbegriffen schon kennenlernen müssen! Die hemmungslosen Verästelungen der Phantastik – Terminologie sind dabei wohl mehr den Bedürfnissen einer grassierenden Genrewut geschuldet, als dem logischen Definitionsbedarf von Belletristik. Aber da müssen wir wohl durch! Deshalb für alle, die mit diesem Begriff nicht vertraut sind, ein Hinweis: Gunpowder – Fantasy versetzt Leser*innen in eine Vergangenheit, die sich im Zeitalter der Entdeckungen vermessen lässt. Bevorzugte Themen sind Entdeckungsfahrten, ein sich weltweit erstreckender Welthandel und damit verbundenen Raub- und Piratenszenarien. Das ist auch im vorliegenden Text der Fall.
Nun zum zweiten Begriff, dem der Novelle, über den wir bei diesem Text stolpern. Dieser gehört allerdings zum Standardrepertoire der Literaturwissenschaft. Warum dieser hier seine Anwendung findet, wird im Buch kurz, aber nicht hinreichend erklärt: „Novellen sind kurz, enthalten aber viel.“ Das wird dann auch, nolens volens zum Motto der Erzählung, in der ungeduldig so Manches untergebracht werden soll. Novellen sehen aber anders aus. Sie haben einen Umfang, der sich zwischen Roman und Erzählung bewegt, behandeln ein ausserordentliches Ereignis und zeichnen sich durch eine oder mehrere zentrale Handlungswendungen aus. Auch sollen sie von einem realistischen Ereignis handeln. Zu finden sind diese Merkmale im vorliegenden Text jedoch nicht. Ich verwende für die Form dieses Textes daher den Begriff Erzählung. Der Begriff Novelle scheint mir in diesem Fall zu hochgegriffen. Kleist, Kafka, Thomas Mann und Zweig lassen grüssen.
Noch ein Hindernis gilt es zu überwinden, bevor der vermutete Lesespass beginnt. Die Erzählung ist Teil eines Zyklus von drei schmalen Bänden, der sich „Schattenwelt“ nennt. Diese wiederum gehören thematisch zu weiteren drei Büchern mit dem Titel „Die 13 Gezeichneten“ (2018 – 2020). Nicht genug! Lose verknüpft sind letztere mit einem von den gleichen Autor*innen herausgegebenen Rollenspiel namens Scherbenland (2018). Wir betreten also ein ausladend bestelltes Phantasieland, gemacht für jene, die sich gerne in einer selbstgewählten Welt verlieren wollen. Materiell zusammengehalten wird Schattenwelt von einem Schuber, der vom Verlag gesondert bestellt werden kann. Fandom ist hier wohl kein unerwünschtes Begleitprodukt.
Nach all den einleitenden Worten nun zum Inhalt, der sich rasch erschliesst. Historisches Vorbild für die Geschichte sind die Tee-Missionen, die der britische Botaniker Robert Fortune im Auftrag der East India Company im 19. Jahrhundert durchgeführt hat, um das Monopol Chinas durch die illegale Ausfuhr von Tee nach Indien aufzuweichen. Dazu existiert ein Podcast, auf den die beiden Autor*innen fairerweise im Nachwort des Bandes verweisen.
In der Erzählung von J. & C. Vogt verändert sich die Szenerie zu einer Fantasy-Welt. Ein verkappter Theatermann namens Guillome und der Ich-Erzähler Neigel, ein Bäcker von Zauberbrötchen (die angeblich die Verzweiflung vertreiben), beide Bewohner der Fantasiestadt Sygna, werden durch einen Agenten namens Ismayl Schönauge mit einem Auftrag in das Hochland von Lan entsandt. Dieses liegt am anderen Ende der Welt und ist für sein Teemonopol bekannt. Ziel ist es, eine Gruppe von Spionen aus dem konkurrierenden Land Aquintien mit der Bezeichnung Purpurmäntel, daran zu hindern, Teepflanzen und geheimgehaltene Rezepturen aus dem Land zu schmuggeln. Auftraggeber ist der Geheimdienst von Sygna. Bald jedoch mutieren die beiden Anti-Helden zu Doppelagenten, die im Auftrag einer örtlichen Handelsagentur gegen eine stattliche Belohnung ebenso Teepflanzen wie deren Rezeptur schmuggeln sollen. Das Abenteuer nimmt seinen Lauf und führt die beiden Helden nach einigen Verwicklungen, abstrusen Begebenheiten und so manchen Gefahren wieder wohlbehalten zurück nach Sygna. In prägender Erinnerung bleibt dabei eine doch recht unvermittelt in die Handlung platzende Szene, in der Gehirne und Teesud eine recht eigenartige Symbiose miteinander eingehen. Gerne hätten wir gewusst, was das denn eigentlich soll. Ein blindes Motiv?
Leider geht es bei der streckenweise skurril – humorigen Handlung stilistisch doch recht holprig zu. Waren wir schon von der hochtrabenden Bezeichnung Novelle so gar nicht überzeugt, gibt es formal noch viel mehr zu kritisieren. So sprengen die verwendeten Erzählstrukturen schon nach wenigen Seiten erstmals rasch den Rahmen konventioneller Formensprache. Da wechselt sich die traditionell lineare Ich-Erzählung mit an Sachtexten erinnernden Aufzählungen (mit Stichpunkten!) ab, die sich ungeduldig des Handlungsfortschritts entledigen. Damit nicht genug: auch die Dialogstruktur von Theaterstücken wird kapitelweise verwendet. Das Meisterstück der formalen Konfusion liefert jedoch ein geschliffener Reisebericht, der samt notwendiger Korrekturen in den Text eingepasst wird. Für eine Person, die wie der Ich-Erzähler angeblich nur 4 Jahre an Schulbildung hinter sich haben soll, eine unwahrscheinlich eloquente Leistung. Warum also all dieses Formenspiel? Mensch weiss leider nicht aus welch formalen oder inhaltlichen Gründen uns dieses zugemutet werden soll. Der Abwechslung halber? Einer gewissen stilistischen Maniriertheit verpflichtet? Oder haben die Autor*innen sich nicht ausreichend Arbeitszeit gegönnt, um die vielen Textsorten in eine Form zu giessen und so eine gut lesbare Abenteuergeschichte vorzulegen?
So bleibt nach der Lektüre des Bandes ein doch recht nüchternes Resümee zu ziehen. Tee-Spione ist eine stellenweise interessant erzählte Abenteuergeschichte, welche in eine mager bestückte Fantasy Handlung gegossen wurde. Die lässt gerne formalen Kriterien hinter sich. Das ist weder originell noch stellt es ein gelungenes Experiment dar. Letzten Endes kommen daher die Tee-Spione (auch sprachlich) recht unfertig daher. Gefallen wird sie möglicherweise jenen, die sich bereits in den Weltenbau der 13 Gezeichneten eingeschrieben haben. Für einen gut lesbaren Text fehlen hingegen eine hinreichende Spannung, eine interessante Charakterentwicklung und vor allem die Homogenität des Erzählten. So bleibt der Text wohl nicht mehr als eine Fingerübung von Autor*innen für eine sorgfältig erzählte Geschichte, die erst geschrieben werden muss.
[Offenlegung: Vom Verlag ohneohren wurde zum Zwecke der Rezension ein kostenfreies Exemplar des Bandes zur Verfügung gestellt. Prekäre Welten dankt dem Verlag für seine Grosszügigkeit.]

Buchtitel: Tee-Spione
Autorin: Judith & Christian Vogt
Erscheinungsjahr: 2005
Sprache: Deutsch
Verlag: ohne ohren
Seiten: 80
ISBN 978-3-903296-84-8

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