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George Saunders: Tag der Befreiung (2024) – Buchbesprechung

„Tag der Befreiung“ versammelt so virtuose wie einfühlsame Erzählungen über die Gefängnisse, in denen wir stecken, die ganz realen und die eingebildeten. Sie handeln von Macht und Moral, Liebe und Verlust, von der Sehnsucht nach menschlicher Verbindung und dem Versuch, sich von allem zu befreien. Und davon, dass die Befreiung manchmal die noch größere Katastrophe ist. George Saunders erzählt mir großer Klarsicht von einer zutiefst verunsicherten Gesellschaft: Da ist der Großvater, der in einer nicht allzu fernen dystopischen Zukunft einen Brief mit einer zärtlichen Warnung an seinen Enkel schreibt. Oder die Mutter, die ein Unrecht an ihrem Sohn sühnen möchte, dabei jedoch nur noch größeres Unrecht verursacht. Oder der Obdachlose, der sich zu einer Gehirnwäsche bereiterklärt und doch eingeholt wird von seinem früheren Leben. Oder der unterirdische Vergnügungspark, in dem Hölle gespielt wird und der alles auf die Probe stellt, was wir für die Wirklichkeit halten… (Klappentext)

Buchtitel: Tag der Befreiung
Autorin: George Saunders
Erscheinungsjahr: 2024
Sprache: Deutsch
Übersetzung aus dem Amerikanischen: Frank Heibert
Verlag: Luchterhand
Seiten: 320
ISBN 978-3-630-87702-0
Originaltitel: Liberation Day
Erscheinungsjahr Original: 2022


Rezension:

George Saunders, der us-amerikanische Schriftsteller und Hochschullehrer gehört zu den grossen Gegenwartsautoren, wenn es darum geht, die beklemmenden Seiten des amerikanischen Alltags zu analysieren. Er zeigt Ängste und Verwirrungen auf, die den amerikanischen Alltag der Menschen prägen. Dabei stellt sich bei der Lektüre seiner Texte die Frage, ob bestimmte politische und gesellschaftliche Dystopien jenseits der Fiktion nicht längst schon Realität geworden sind. Dennoch sind es keine ausgesprochenen Horror-Erzählungen, die uns Saunders anbietet, sondern Miniaturen eines ganz „normalen“ Alltags, dessen immanente Bedrohungen hinter einer dünnen Schicht verborgen sind.

2024 sind zwei Bücher von George Saunders auf Deutsch erschienen: eine Satire über die Zerstörungswut eines Populisten („Die kurze und schreckliche Regentschaft von Phil“) und dieses Buch, eine Sammlung von Erzählungen. Beide Bücher sind paradigmatisch für menschliche Befindlichkeiten einer verwirrten und bis zur Lächerlichkeit verzweifelten Gesellschaft. „Das Lied der Sänger verändert sich, vom Singen zum Schreien.“, sagt er an einer Stelle des Textes. Angesichts des beobachtbaren Getöses dieser Welt tut Saunders aber das Gegenteil davon. Er erzählt ruhig und gemessen, um der Wirklichkeit einer pervertierten Welt gerecht zu werden.

Neun Erzählungen sind in dem besprochenen Band versammelt, die meisten davon sind schon in den Jahren zwischen 2016 und 2021 im Magazin New Yorker veröffentlicht worden. Sie reichen von Skizzen einer vorweggenommenen dystopischen Welt bis zur präzisen Beschreibung des us-amerikanischen Wirklichkeit. Im Zentrum stehen jene Menschen, deren Leben zu einem pervertiertem Spiel zwischen eigenem Anspruch, erlebter Wirklichkeit und der Beurteilung durch Andere verkommen ist. Sie geben sich selbst der Lächerlichkeit preis.

Da gibt es die besorgte Mutter und Hobbyschriftstellerin, die sich nach einem Angriff auf ihren Sohn schreibend zu immer grösserer Aggression aufschaukelt. Mit einem naiven Essay macht sie den Weg frei für eine Katastrophe, die ihre gesamte Familie zu verschlingen droht. Sie ist die „Mom der kühnen Tat“, die sich und andere hysterisch ins Verderben führt.

Zwei andere Frauen schildert Saunders in „Eine Sache auf der Arbeit“, beide gefangen in einem Zickenkrieg in einer absurden Bürohierarchie, auf ihren unmittelbaren Vorteil und ihre kleinen betrügerischen Vorhaben bedacht. Sie sind mit einem Vorgesetzten konfrontiert, der ganz auf sein Autospielzeug am Schreibtisch konzentriert ist.

Spatz“ wiederum ist der Spitzname von Gloria, einer Frau ohne Eigenschaften, die sich durch ihr Leben schwindelt, immer auf der Suche nach Anerkennung durch die, die sie eigentlich gar nicht wahrnehmen. Es ist tragisch, „dass sie, wie erwähnt, von den meisten Menschen als eine etwas verwirrende Leerstelle wahrgenommen wurde“.

Schliesslich die Mutter, die an ihrem Ehrentag sich in ihrem Heimatort mit einem Spaziergang durch die Hauptstrasse beschämenden Empfindungen aussetzt und diese gleichzeitig schön redet. Es geht um ihre Kinder, den Ehemann und einige ihrer Nachbarn. Schliesslich flüchtet sie verbittert und verwirrt vor einem vorhersehbaren Hagelgewitter, welches ihren Erinnerungen ein Ende macht.

Auch Männer werden von Saunders in der ihm eigenen, distanzierten Weise charakterisiert. „Mein Haus“ befasst sich mit den verzweifelt anmutenden Lebensentwürfen zweier Männer, die beide auf dasselbe Objekt ihrer Begierden fixiert sind und sich nicht von ihm befreien können. „Elliot Spencer“ erzählt von einem Mann, dem jeder Bezugspunkt im Leben verloren gegangen ist: ein Programm soll ihm den sicheren Bezugspunkt in seinem Leben wiedergeben und konfrontiert ihn mit der Person, die er einmal gewesen ist.

Deutlich dystopischeren Charakter haben die restlichen Geschichten, die in diesem Band versammelt sind. „Ghul“ etwa beschreibt einen unterirdischen Vergnügungspark, „Region“ genannt, in denen, an ein Computerspiele erinnernd, absurden Regeln aber auch die momentane Befindlichkeit der handelnden Figuren über Leben oder Tod bestimmen.

Wie mitleidlos Saunders trotz aller Empathie sein kann, zeigt er in der Erzählung „Liebesbrief“, in der ein alter Mann einen Brief an seinen Sohn schreibt. Der Brief selbst ist in den Zwanziger Jahren des 21. Jahrhunderts datiert, ein deutlicher Hinweis auf die erste Präsidentschaft Donald Trumps. In Umgehung eines Emails, dass er in der konkreten Situation für unsicher hält, berät der Grossvater seinen Sohn mit äusserster Vorsicht, was angesichts der Inhaftierung seiner Freundin zu tun sei. Das Unterfangen ist heikel, denn politischer Repression droht, die von Vielen nicht vorhergesehen worden war:

Wie wir alle nahmen sie an, dass all das irgendwann wieder rückgängig gemacht und das Leben zur Normalität zurückkehren würde – dass irgendwann ein erwachsener Mensch (oder mehrere) kommen und alles in Ordnung bringen würde, so wie es in der Vergangenheit immer gewesen war.

In der längsten und zentrale Geschichte des Sammelbands mit dem Titel „Tag der Befreiung“ geht Saunders noch ein Stück weiter. Drei Menschen, „Künder“ genannt“ sind an eine Vorrichtung angeschlossen, die ihren Output kontrolliert. Sie inszenieren Geschichten für eine Herrschaft, die zur Aufführung ein Publikum eingeladen hat. Die Künder sind ihrer Herrschaft unterworfen und haben sich ihr in psychischer und physischer Hinsicht völlig unterworfen. Ein vom Sohn des Hauses inszenierter Aufstand muss zwangsläufig scheitern.

Ein wenig erschöpft beenden wir die in sprachlicher wie psychologischer Hinsicht gleichzeitig anstrengende aber auch fesselnde Lektüre. Wir wollen es aber nicht missen, vom Autor auf diese anstrengende Reise mitgenommen worden zu sein. Tag der Befreiung ist grossartiges Buch, das uns in unser Heute und Morgen mitgenommen hat. Es war eine erschreckende Reise in die Welt von Dummheit und Lächerlichkeit, die von uns Besitz ergriffen hat.


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