Prekäre Welten

Das Online-Magazin für
Spekulative Literatur

Bookbot: Ein Erfahrungsbericht – Rundschau

Librizid

Es ist ärgerlich, zu beobachten, wie teuer Bücher in der Anschaffung geworden sind und wie sehr sie, einmal gekauft, rapide an Wert verlieren. Wer möchte schon gebrauchte Bücher erwerben, wer sich der Hinterlassenschaften bibliophiler Menschen annehmen? Der Preisverfall ist gewaltig und öffentliche Bibliotheken möchten gebrauchte Exemplare nicht einmal geschenkt bekommen, auch wenn sie in einem einwandfreien Zustand sind. Darüber hinaus existiert die perverse Logik, dass Verlage ihre Lagerbestände regelmässig vernichten, um die Kosten für Lagerfläche zu sparen und Platz für die Auflage der Neuerscheinung zu schaffen.

Der Wertverfall von Büchern ist nicht nur ein kulturelles Armutszeugnis unseres Wirtschaftens, sondern auch ein Desaster in Bezug auf den verantwortungsvollem Umgang mit Ressourcen. Der österreichische Autor Karl Markus Gauss hat anlässlich der Buch Wien 2024 diesen Zustand pointiert als Librizid bezeichnet:

Tatsächlich leben wir in einer Epoche des Librizids, der planmäßigen – und kostenpflichtigen! – Vernichtung von Büchern. Man kann davon ausgehen, dass gleich viel Bücher vernichtet wie gekauft, gelesen, in Bibliotheken, privaten wie öffentlichen, aufgenommen werden.“

(Karl Markus Gauss: Über das Verschwinden der Bücher.)

Konsum-Schizophrenie

Diese Phänomene treiben bibliophile Menschen in eine Art Konsum-Schizophrenie: Die Buchregale zu Hause quellen über, einige der einstmals um teures Geld angekauften Bücher sollen aber den Neuerscheinungen Platz machen. Der Platz ist knapp. Keine neuen Bücher mehr zu kaufen, ist undenkbar, die nicht mehr benötigten in den Müll zu werfen, ebenso. Ebooks sind zwar praktisch, weil platzsparend, aber trotz vollzogener Gewöhnung an sie, kein richtiges Buch. Bleibt für den privaten Bücherüberschuss noch der öffentliche Bücherschrank. Doch der quillt über und ist dem Vandalismus und der Feuchtigkeit preisgegeben. Wo aber gibt es jene Menschen, die Interesse an gebrauchten Bücher haben könnten? Sie auf einer der herkömmlichen Online – Verkaufsplattformen wie Ebay oder Willhaben zum Kauf anzubieten, ist zeitaufwändig und kompliziert. So schnell wie mensch sich für den Kauf von Büchern entschlossen hat, so schnell möchte mensch sie aber auch wieder loswerden. Bleiben noch jene Re-Commerce Dienste, die sich auf Bücher spezialisiert haben. Wir haben uns diesmal Bookbot im Selbstversuch angesehen.

Die Geschäftsidee

Der überall feststellbare Bücherschwemme schreit geradezu nach einer guten Geschäftsidee, bei dem alle profitieren können: die potentiellen Buchentsorger, die potentiellen Interessenten und jene, die sich zu Brokern eines Geschäfts zum gegenteiligen Vorteil machen. Das Modell, das diesem Modell zugrunde liegt, heisst Re-Commerce, der Handelsverkehr gebrauchter Gegenstände über das Internet. Es ist eine wichtige Wachstumsbranchen in Zeiten angespannter Wirtschaftslage und gestiegenem Nachhaltigkeitsbewusstsein. Eine Internet betriebenes Second Hand shop für Bücher müsste doch ebenso erfolgreich sein, wie der Altkleiderladen von nebenan. Warum nicht auch die Büchercommunity auf ähnliche Weise ansprechen?

Ein Unternehmen aus Tschechien (knihobot.cz) hat sich seit ihrem Gründungsjahr 2019 dieser „Marktlücke“ angenommen. Inzwischen ist sie nach einem erfolgreichen Start zu respektabler Grösse angewachsen. 2022 erzielte das Unternehmen einen Umsatz von 7,5 Millionen Euro bei 1, 2 Millionen verkauften Büchern. Nach seiner Expansion in die Slowakei und Deutschland (bookbot.de) ist das Unternehmen seit Juni 2024 unter dem Namen bookbot.at auch in Österreich tätig. Das Erfolgsgeheimnis scheint darin zu liegen, dass gelungenerweise versucht wird, es Käufer*innen wie Verkäufer*innen möglichst einfach zu machen („Convenience“). Dabei setzt man auf einen reibungslosen und effizienten Einsatz von IT und die Nutzung unterschiedlicher Versand- und Abholsysteme.

Wie funktioniert Bookbot?

Bookbot ist ein Online – Service, bei dem man Bücher sowohl kaufen als auch verkaufen kann. Prekäre Welten wollte am österreichischen Beispiel seine Erfahrungen machen und darüber berichten.

Verkauf: Verkäufer*innen fotografieren ein Sammelbild der Buchrücken und schicken es per Email an Bookbot. Mensch erspart sich dabei die Angabe von ISBN Nummer oder das Abfotografieren der Titelseiten, wie dies bei einigen anderen Online-Händlern verlangt wird. Nachdem Bookbot innerhalb von 24 Stunden seine Zusage per Email signalisiert hat, bringt mensch die Bücher entweder selbst zur Post oder bestellt (derzeit nur in Wien!) online das sogenannte Booktaxi, welche die Bücher (maximal 100 Bücher) zu einem zentralen Buchlager in Prag verbringt. Alle Abholdienste sind für die Verkäufer*innen kostenlos. Früher konnten die Bücher auch in jeder Thalia – Filiale in Österreich abgegeben werden, wegen des hohen und offenbar überfordernden Zuspruchs der Kund*innen hat man diesen Dienst jedoch schon nach wenigen Monaten eingestellt.

Im Zentralager in Prag werden die Bücher gereinigt, fotografiert, je nach Zustand preislich geschätzt und auf die Webseite gestellt. Auf die Preisgestaltung selbst haben die Verkäufer*innen keinen Einfluss. Nach einer Wartezeit von etwa einer Woche kann die Liste der zu verkaufenden Bücher auf der Bookbot – Seite eingesehen werden. Verkauft mensch sein Buch, werden auf dem Konto 60 Prozent des Verkaufspreises minus 1,15 EURO gutgeschrieben. Die durch den Verkauf seiner Bücher angesparte Geldsumme kann mensch sich entweder auf sein Privatkonto überweisen lassen oder damit selbst auf Bookbot Bücher kaufen. Diese Verkaufstätigkeit kann auf der Website transparent mitverfolgt werden. Je länger ein Buch nicht verkauft wird, desto mehr sinkt sein Preis. Ladenhüter verbleiben bei Bookbot und werden für karitative Zwecke verschenkt. Es wird kolportiert, dass die Mehrzahl der eingestellten Bücher auch seine Abnehmer*innen finden. Wer selbst Werbung für sein Angebot machen will, kann sie per Link teilen.

Einkauf: Käufer*innen nutzen die Suchfunktion der Website und entscheiden sich für bestimmte Bücher. Sie bezahlen die Bücher digital zuzüglich einer Versandgebür von EUR 1,15.- (für maximal 10 Bücher). Die Bücher werden wahlweise per Post oder einem privaten Paketservice (im Falle Österreichs UPS) zugestellt. Ist das gesuchte Buch nicht verfügbar, kann man online den sgn. Buchwächter aktivieren, der per Email von der Verfügbarkeit des gesuchten Titels informiert.

Pro & Contra

  • Sowohl die Zustellung (per Post) als auch die Abholung der Bücher (per Booktaxi) funktionierte klaglos und war innerhalb einer Woche erledigt.
  • Die gekauften Bücher waren alle (sic !) in tadellosem Zustand, ohne die üblichen Gebrauchsspuren. Wie sie aussehen, lässt sich auf den auf der Verkaufswebsite eingestellten Bildern und der Beschreibung grob abschätzen. Offenbar funktioniert das Aussortieren der schadhaften Exemplare in Prag sehr gut.
  • Das Angebot an Büchern ist vielfältig, der Umsatz neu eingestellter Bücher hoch, rund 20.000 Bücher pro Tag (Angabe von Bookbot). Man kann also immer wieder Bücher finden, die den eigenen Interessen sehr entgegenkommen. Auch die Suche nach einzelnen Autor*innen, Sprachen, Titeln und Kategorien funktioniert tadellos.
  • Die einzelnen Prozesse (Abholung, Zustellung, Bücherlistung, Kontoführung etc.) waren gut nachvollziehbar und exzellent organisiert.
  • Tatsächlich war die Convenience und die Zuverlässigkeit des Dienstes sehr hoch und kann sich gut dem Alltag der Kund*innen anpassen.
  • Negativ ist zu vermerken, dass Verkäufer*innen hat keinen Einfluss auf die Preisgestaltung haben. Eine Vorab – Schätzung des Verkaufspreises ist nicht möglich. Man gibt seine Bücher also auf gut Glück aus der Hand und vertraut auf den Online – Dienst.
  • Die Verkaufserlöse sind nach Abzug der Gewinnspanne für Bookbot (40 % des Buchpreises + 1,19 EUR) klein. Ein Beispiel dazu: William Gibsons Neuromancer kann man derzeit als Taschenbuch neu um 13.00 EURO erwerben, auf Bookbot wurde das gebrauchte Exemplar um 3,42 EURO angeboten und nach kurzer Zeit verkauft. Der Kunde erhielt dafür schlanke 0,86 EUR. Das ist sehr wenig. Karg ernährt sich der Bücherwurm.
  • Man sieht also, der Vorteil dieses Systems liegt eindeutig beim Käufer von Büchern. Auch jene, die ihre Bücher auf schnelle Weise loswerden, aber nicht in den Müll werfen wollen, sind gut bedient. Besser als Wegwerfen ist die Abholung und der Verkauf durch Bookbot allemal. Die Einkommen für die Verkäufer*innen bewegen sich aber im Minimalbereich. Diese entsprechen dem Preisverfall gebrauchter Bücher. Gut für die Einkäufer, die auf ein ständig wachsendes und reichhaltiges Angebot zugreifen können.

Fazit

Bookbot ist ein gut funktionierender Re-Commerce Dienst, der eine grosse Anzahl an interessanten Büchern zu günstigen Preisen zum Verkauf bereithält. Wer Bücher verkaufen will, findet ebenso ein gutes und transparentes Abhol- und Verrechnungsservice vor, wird allerdings kaum nennenswerten Gewinn erzielen. Ein gutes Gewissen kann man dabei aber trotzdem haben: die Bücher werden sehr organisiert am Leben und in Nutzung behalten.


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Eine Antwort zu „Bookbot: Ein Erfahrungsbericht – Rundschau”.

  1. Avatar von Livia Cadova
    Livia Cadova

    Hier ist eine korrigierte Version deines Textes mit verbessertem Ausdruck und Grammatik:

    Danke für dein Feedback! Wir bei Bookbot freuen uns sehr, dass so viele positive Aspekte über uns hervorgehoben wurden. Unser Konzept ist einzigartig, und natürlich kann man je nach Buch mehr oder weniger verdienen. Uns ist es wichtig, eine faire Provision zu gewährleisten – diese beträgt 60 % abzüglich 1,19 EUR pro verkauftem Buch. Das gilt sowohl für ein Buch im Wert von 3 EUR als auch für eines mit 30 EUR oder 100 EUR. Wenn ein teureres Buch verkauft wird, erhält der Verkäufer entsprechend mehr. Der Verdienst hängt letztlich von den Büchern und der Nachfrage ab. Aus unserer Sicht ist das eine der fairsten Lösungen.

    Vielen Dank für deine Bewertung und dafür, dass du sowohl die Vor- als auch die Nachteile genannt hast. Wir hoffen, dass unser Geschäftsmodell die Herzen auf dem Markt gewinnt – und wünschen dir viel Glück!

    Beste Grüße,
    Livia aus Bookbot

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