Der Countdown zur Apokalypse läuft: Kalifornien geht in Flammen auf, Überschwemmungen bedrohen Florida. »Der Planet stirbt, siehst du das nicht?«, wirft Cooper seiner Mutter vor, die ihre Küche gehorsam auf frittierte Heuschrecken umstellt. Heftige Diskussionen gibt es auch mit Schwester Cat. Sie hat sich als Haustier einen Tigerpython namens Willie angeschafft, den sie sich wie ein glitzerndes Juwel um die Schultern hängt. Die Frage nach dem Verhältnis zur Umwelt geht wie ein Riss durch die Familie, bis eines Nachts Willie aus dem Terrarium verschwindet.

Buchtitel: Blue Skies
Autorin: T.C. Boyles
Erscheinungsjahr: 2024
Sprache: Deutsch
Übersetzung aus dem Amerikanischen: Dirk van Gunsteren
Verlag: DTV
Seiten: 397
ISBN 978-3-423-14908-2
Originaltitel: Blue Skies
Erscheinungsjahr Original: 2023
Rezension
Viel war im US-amerikanischen Wahlkampf von der amerikanischen „Middle Class“ die Rede. Emphatisch hatten die Demokraten ihr die Unterstützung für eine optimistische Zukunft versprochen, aber die Wahlen verloren. Auch der Roman Blue Skies fühlt sich dem Milieu der amerikanischen Mittelschicht verpflichtet, allerdings mit der nötigen Skepsis und einem gehörigen Schuss Pessimismus. Ein wenig fühlt man sich an Tom Wolfes „Fegefeuer der Eitelkeiten“ (1988) erinnert, wenn mit gelassener Distanz aus dem Milieu amerikanischer Wohlstandsbürger berichtet wird, mit ironischer Distanz und treffsicherer Beschreibung, aber trotzdem bemüht ist, die handelnden Personen nicht zu diskreditieren.
Aber etwas ist Neu an diesem Narrativ: die Schilderung der verheerenden Folgen der Klimakatastrophe. Sie ist nicht mehr nur eine Angelegenheit der sozial Schwachen. Die Unfreundlichkeit der Natur wird nun auch Angelegenheit der Mittelschicht. Zwar wird sie weiterhin „nur“ als ausserordentliches Wetterereignis wahrgenommen, die umweltpolitische Reflexion fehlt. Man lebt in der selbstverschuldeten Langeweile der Wohlhabenheit weiter, so als ob sich nichts Grundlegendes verändert hätte. Mittlerweile sind aber die Lebensbedingungen andere geworden. Waldbrände zerstören Kalifornien, Überflutungen die Küstenregionen Floridas. Apathisch und ignorant sind die Boomer-Generation und ihre Kinder in die Katastrophe geschlittert:
Wetter war Wetter. Man sah vielleicht in die Zeitung oder schaltete den Fernseher ein, um zu sehen, ob regen angesagt war, oder ob es windig werden würde, aber egal wie das Wetter wurde – man konnte ohnehin nichts daran ändern. Man hatte genug zu tun, durch den Tag zu kommen. Die Apokalypse fand damals anderswo statt, so weit, dass sie der Stoff war aus dem man Science-Fiction-Filme mit Drohnen, Mutterschiffen, Hyperspace und katastrophal schlechtem Wetter machte. Heute war sie nicht mehr anderswo. Die Hitze war real. Die Gletscher schmolzen, die Dürre war endlos, der Meeresspiegel stieg.
In diesem Lichte ist auch der Titel und das Motto des Romans zu lesen:
Blue skies smiling at me
Nothing but blue skies do I see
Bluebirds singing a song
Nothing but bluebirds all day long.
Kennt man das Lied, das Ella Fitzgerald einst so unverwechselbar interpretiert hat, vermutet man richtig, dass der Text zwischen mehreren Polen schwankt: der Begeisterung über eine wundervolle Beziehung, der Erinnerung an eine Vergangenheit voller Traurigkeit und die Beschwörung einer glücklichen Zukunft. T.C. Boyle stellt diese Dimensionen in einen ironischen Kontext und verkehrt sie so ins Gegenteil: in die alles bestimmende Trauer darüber, dass die guten Zeiten endgültig vorüber sind, man aber immer noch an dem Versprechen einer guten Zukunft festhält.
Anhand dreier Familien, miteinander verwandtschaftlich verbunden, wird ein Jahrzehnt amerikanischen Alltags vor uns ausgebreitet. Dieses ist durch ein enges aber konfliktträchtiges Verhältnis zur Natur charakterisiert. Die Natur “beisst zurück“, so steht es in der Buchbewerbung, und das mag auch zutreffend sein. Die Gewalttätigkeit ihrer Reaktion hat sich tief im Alltag einer ökonomisch sorgenfreien Klasse verankert. Diese instrumentalisiert die Natur zwar weiterhin für die eigenen Zwecke, aber schön längst nicht mehr ohne grosse Risiken für sich selbst. Schlangen werden als exotische Trophäe gehalten, Grillen und Milben werden zu Lifestyle – Lebensmittel, Insekten dienen als Objekte wissenschaftlichen Forscherdrangs (und zur Selbstvergewisserung über das Artensterben). Der Umgang mit den Tieren erweist sich aber als prekär, problematisch und höchst gefährlich. Das Verhältnis zwischen Mensch und Natur ist aus den Fugen geraten. Die Beschäftigung mit ihr kippt in Bedrohungsszenarien sondergleichen, nicht nur durch Artensterben und Klimaveränderung, sondern auch im Kleinen: Zeckenattacken verschonen auch jene nicht, die sie in guter Absicht beforschen, ein weitgespanntes Insektensterben im Garten schockiert, Mörderschlangen zerstören den familiären Zusammenhalt. Von Windböen, die die Choreographie einer Hochzeit zerstört hin zu selbst verschuldeten Wildfeuern, die ein Naturschutzgebiet bedrohen und der Feuchtigkeit und Termitenplage, die die Häuser am Strand zum Einsturz bringen, ganz zu schweigen. Selbst die Geburt eines Kindes wird von einem Hurrikan an den Rand einer menschlichen Katastrophe geführt. Die Klimakatastrophe ist eine, die sich langsam in den Wohlstand und die Routine von Familien schleicht, aber immer nur als Einzelphänomen, nie als systematischer Zusammenhang der Klimaerwärmung erkannt wird. Diese Verleugnung des schleichenden Untergangs ist eine, die uns alle betrifft.
Der Kampf Mensch gegen Natur wird von T.C. Boyle aber nicht mit empörter Emphase oder fingerzeigendem Moralismus erzählt. Ruhig, trotz unerwartetem Auftauchen sind die Katastrophen im Alltag der handelnden Personen eingebettet: Bedrohliches ist zur Normalität des Lebens geworden. Natürlich, die tragische Dynamik der erzählten Familientragödien könnten auch für sich alleine stehen: Alkoholismus, Oberflächlichkeit, Trennung, Krankheit und Tod. Da gibt es den oberflächlichen und misogynen, beruflich erfolgreichen Ehemann; eine dem Alkohol ergebene unglückliche Influenzieren; eine der nachhaltigen Essenszubereitung verpflichtete und betuliche Mutter; einen Angry Young Man, der der Welt seine persönliche Frustration über die Klimakrise entgegen schreit und schliesslich einen Tierhändler, der die Gesetze zum Schutz der Arten aus Profitgier fröhlich beugt. Bei T.C. Boyle sind diese menschliche Fährnisse eng mit den (auch von ihnen induzierten) kleinen Naturkatastrophen verknüpft. Die grossen gibt es ohnehin, unübersehbar.
Man könnte diese Buch mit Termination Shock von Neil Stephenson gegenlesen, das ebenfalls dem Thema der Climate Fiction verpflichtet ist und auch aus dem amerikanischen Süden (Florida) berichtet. Das Buch ist dem Geo-Engineering gewidmet, der Veränderung der Zusammensetzung der Erdatmosphäre durch das Ausbringen von Schwefeläure in der Stratosphäre. Doch während Neil Stephenson aus dieser Story einen marktschreierischen und zynischen Roman gestrickt hat, bleibt T.C. Boyle ganz bei den von ihm mit viel Hingabe beschriebenen Personen. Hier geht es allein um die Betroffenen der Klimakrise und deren psychische Verarbeitung. Die Sensation des Geo-Engenerings bleibt eine Randnotiz. Zu sehr sind seine Figuren mit sich selbst und ihren Familiendynamiken beschäftigt, um über den eigenen Horizont blicken zu wollen.
Auch das zeigt die Humanität in T.C. Boyles Roman: die Töne bleiben leise, ernst und ohne das ewige Schielen auf die vermutbare Sensationsgier der Leserschaft. Im Gegenteil, am Ende seines Romans scheint der Erzähler die apokalyptische Interpretation der Gegenwart ein wenig zurücknehmen zu wollen. Mutter und Sohn steigen auf eine Hügelkette, um die rar werdenden Schmetterlinge zu zählen. Man findet schliesslich eine grosse Zahl von ihnen, an Zweigen hängend. Es sind zu viele, um sie überhaupt zählen zu können. Sie fliegen wie durch die „Emanation einer neuen Wirklichkeit“ verursacht, gegen den vielbesungenen blauen Himmel.
Vielleicht hilft es ja mehr, die klimatischen Veränderungen auf unserem Planeten anhand der Vorfälle im eigenen Alltag zu beschreiben, als mit der wissenschaftlichen Darlegung der erwarteten Katastrophen. Vielleicht ist die „kleine“ Hoffnung auch ein wichtiges Ingredienz, um uns weiterhin handlungsfähig zu halten. T.C. Boyle hat sich an diesen Möglichkeiten versucht und dabei ein grossartiges, spannend zu lesendes Buch geschrieben.

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