Prekäre Welten

Das Online-Magazin für
Spekulative Literatur

Elias Hirschl: Content (2024) – Buchbesprechung

Die Welt geht unter. Doch bis dahin arbeitet die Erzählerin in Elias Hirschls neuem Roman in der Content-Farm Smile Smile Inc. und schreibt sinnbefreite Listen-Artikel, die Clicks generieren sollen. (Nummer 7 wird Sie zum Weinen bringen!) Die sind genauso bedeutungslos wie die Memes und YouTube-Videos, die ihre Kolleginnen produzieren. Oder die Start-ups, die ihr Freund Jonas im Wochenrhythmus gründet, während die Stadt brennt. Hirschl gelingt mit Content erneut eine „perfekte Romansatire, die höchstes Niveau erreicht“ (Neue Zürcher Zeitung), diesmal über die Generation ChatGPT. Politisch, prophetisch und zumindest so lange lustig, bis einem das Lachen im Hals stecken bleibt …

Buchtitel: Content
Autor: Elias Hirschl
Erscheinungsjahr: 2024
Sprache: Deutsch
Verlag: Zsolnay
Seiten: 224
ISBN 978-3-552-07386-9


Rezension

Elias Hirschel, der in Wien geborene Autor hat erstmals mit seinem Roman Salonfähig (2021) aufhorchen lassen, als er uns in die Welt der Generation Slim-Fit entführte, eine Satire über die Anhänger von Kanzler Kurz. Nun wählt er mit dem vorliegenden Roman ein weiteres , sehr merkwürdiges Soziotop, das er aufs Groteskeste verzerrt: jenes der sgn. Contentproducer und Trolle:

„Junge, ambitionierte, künstlerisch begabte Frischlinge, die es nie wirklich geschafft haben, aus ihrer Leidenschaft einen Beruf zu machen.“

Der Einstieg in das Buch fällt zunächst ein wenig schwer, weil der Soziolekt, mit dem die Leser*innen von der Ich-Erzählerin geflutet werden, Nicht-Insider zunächst befremdet. Begriffe wie Fidget Spinner, Jumpcut, Listicle, Clickbait oder Close-up Videos illustrieren zwar die Branche, erinnern aber ans IT-Splaining von coolen Techno-Neirds. Daran möchte man sich wohl gerne vorbei schwindeln. Doch keine Angst: die verbale Überforderung, die uns verzweifelt Begriffe googeln lässt, um die Handlung verstehen zu können, löst sich schon bald in ein begeisterndes sprachliches Feuerwerk auf, das fesselt und von dem man nicht mehr loslassen will. Auch daran müssen sich die Leser*innen erst gewöhnen, jene sprachliche Übertreibung und Zuspitzung, die uns recht rasch in eine Welt entführt, die ihrer Entropie entgegensteuert.

Das Universum der Content Creation hat nichts mit Faktizität oder Wahrheit zu tun, sie fühlt sich allein ihren eigenen Gesetzmässigkeiten verpflichtet, der Steigerung von Zugriffen und Likes bei einem subtil bis plump ausgespähten Publikum. Wahrheit und Faktizität bleiben aussen vor. Gewiss, die Neuerscheinungen am Sachbuchmarkt sind voll von Aufklärung über virtuelle Missstände: von Argumentationen über die Verkehrung blosser Meinung zu vermeintlicher Wahrheit; von breit angelegter Steuerung des Wählerverhaltens durch bezahlte Trollfabriken; vom unheilvollen Treiben der Bots und Algorhytmen; letztlich auch vom Tod der Recherche durch KI, damit auch jenem des kritischen Journalismus. Doch um uns diese Gefahren zu verdeutlichen, bräuchten wir kein weiteres Buch und keine ausgewiesenen Erklärbären, sondern nur entschiedene Politik. Die gibt es jedoch nur selten.

Doch Literatur kann mehr als rationale Aufklärung. Das zeigt das Buch von Elias Hirschel auf eindrucksvolle Weise. Seine Figuren sind tragisch Gescheiterte, die das Internet mit allem befeuern, was Aufmerksamkeit erregen könnte. Davon leben die Protagonistinnen der Handlung und daran scheitern sie. Ihre Arbeits- und Lebensumstände sind die eines eines Proletariats von Hilfsschreibern, die den Wahnsinn öffentlicher Meinung befüttern, auf Ruhm hoffen, aber ihrem persönlichen Desaster nicht entkommen können. Karin, Marta, Jonas und die Ich-Erzählerin sind Beispiele für das Lumpenproletariat, welches glaubt, Meinungsmacher sein zu dürfen. Was zunächst als schick, als brillante Idee, als genialer Schachzug oder auch nur neirdig-schräg daherkommen mag, verformt sich rasch zur verzweifelten Spinnerei in einer Welt, die dem eigenen Untergang zusteuert. Das gilt für den persönlichen Bereich der Icherzählerin und ihrer Mitspielerinnen genauso wie für den Standort der Firmen. Es sind innovative Unternehmen wie Smiles Smiles, die auf den vom Kohlebergbau ausgehöhlten und vergifteten Revieren Mitteldeutschlands von verzweifelt handelnden Bürgermeistern und Länderverwaltungen ins Leben gerufen wurden.

Apathisch und engagiert zugleich sitzen die Kreativen in ihren Content Farmen und Innovationszentren, hoffen auf den Erfolg und den Karrieresprung ins us-amerikanische Soziotop. Seth Meyer’s Talkshow scheint besondere Anziehungskraft auszuüben: eine Mitarbeit beim Schreiben seiner Gags gilt es der Karrierehimmel schlechthin. Doch schon hat die Künstliche Intelligenz mit ihren Bots das Ruder übernommen: sie generiert, ihre Betreiber beschämend, problemlos die erwünschten Produkte, ohne dass ein Unterschied zu jenen der Kreativen erkennen zu lassen:

„Ich erinnere mich daran, was Marta gesagt hat, als ich hier angefangen habe. Dass es eine Absurdität ist, dass hier überhaupt noch Menschen arbeiten. Dass es eine ungeheure Verschwendung von Ressourcen ist, eine Verschwendung von Zeit und Energie. Warum wurden wir nicht schon längst ersetzt?“

Selbst die eigene Identität verändert sich, wird gestohlen und zu einer monströsen Influenzerin aufgebaut. Vor nichts scheint man sicher zu sein angesichts der totalitären elektronischen Glocke, der man sich überantwortet hat und die einen, je nach Bedarf aussperren kann. Die Betroffenen beobachten die Vorgänge fasziniert, leicht verstört, aber ohne sich dagegen wehren zu können. Man nimmt letztendlich auch an seiner eigenen Beerdigung teil.

Listen werden von Computern generiert. Auf sieben (sic!) Seiten kommt ein unzumutbarer Schwall an Listicles daher. Losgelöst vom Narrativ fluten diese Listen das Buch, sind Brennstoff für das ständig zu befüllende Internet der Dinge und ihres verdummenden Publikums. Dem kann nur noch mit grosser Verzweiflung gefolgt werden. Der Wahnsinn ist nur mehr abzubilden, in dem das Narrativ an die Grenzen des Erzählbaren getrieben, die Grenz des Nachvollziehbaren gesprengt und damit eine eigene Welt erschaffen wird. Da läuft Sprache Amok, ohne Moral, Pathos oder Belehrung. Wir sind Opfer und Täter zugleich.

Trotzdem erzählt Hirschl neben all der stilistisch notwendigen, sprachlichen Redundanzen wunderbar skurrile Geschichten: etwa jene von einem ehemaligen Bergarbeiter, der in der Psychiatrie gelandet, unentwegt Tunnel in die Erde gräbt: jene von einem firmenintern gesponserten Wettkampf, bei dem es darum geht, ein Nokia Handy möglichst weit zu werfen oder auch jene von einem Journalisten, der Recherchen ins Masslose übertreibt, um einen schmalen Artikel voller Vermutungen zu schreiben.

Nichts ist auf festem Fundament gebaut, weder die psychische Gesundheit der handelnden Personen noch die Betriebsgebäude, in denen hektisch gearbeitet wird. Überall, am Wohnort und Arbeitsplatz lauern die Katastrophen einer ausgebeuteten Natur. An Stelle der ehemaligen Betriebsruinen des Kohlereviers sind zwar vereinzelt Start-Up Unternehmen, Industriekultur-Ausstellungen und Luuxusimmobilien entstanden, doch Einsturzgefahr, Grubengas und Überschwemmungen bedrohen die trügerische Idylle der postindustriellen Modernität. Die Katastrophe bleibt auch hier nicht aus. Der Gesellschaft steht das Wasser bis zum Hals.

Hirschl ist ein eindrucksvolles Porträt des virtuellen Wahnsinns gelungen, der unsere reale Welt mühelos überwältigt hat. Sein Buch ist im Rahmen eines Dortmunder Stadtschreiber-Stipendiums entstanden: das richtige Buch am richtigen Ort. Wir lesen es nicht nur als Satire, sondern auch als Apokalypse einer nahen Zukunft.


Entdecke mehr von Prekäre Welten

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Hinterlasse einen Kommentar