Die Welt in Gefahr: ein brandaktueller Thriller um den Klimawandel – und unsere mögliche Rettung. In einer Welt der nahen Zukunft hat der Treibhauseffekt zu einer wirbelnden Troposphäre mit Superstürmen, Überschwemmungen und gnadenloser Hitze geführt. Der globale Kollaps scheint unausweichlich, der Anstieg des Meeresspiegels ist nicht mehr aufzuhalten. Doch dann stellt ein amerikanischer Milliardär die Mittel für ein spektakuläres Projekt bereit, das die globale Erwärmung stoppen könnte. Aber wird es funktionieren? Ein Wettlauf gegen die Zeit beginnt, der über das Schicksal der gesamten Menschheit entscheiden wird. Ein mitreißender, apokalyptischer Roman, erzählt von einem der visionärsten Autoren unserer Zeit.

Buchtitel: Termination Shock
Autorin: Neil Stephenson
Erscheinungsjahr: 2023
Sprache: Deutsch
Übersetzung aus dem Amerikanischen: Juliane Gräbener-Müller, Tobias Schnettler
Verlag: Goldmann
Seiten: 1008
ISBN-13 978-3442316816
Originaltitel: Termination Shock
Erscheinungsjahr Original: 2021
Rezension
Climate Fiction ist in den letzten Jahren zu einem wichtigen Zweig der Speculative Fiction geworden. Hat sich dieses Subgenre bislang noch den Vorwurf gefallen lassen müssen, belehrend, moralisierend und non-selling zu sein, so haben jüngst erschienene Romane (etwa die Bücher von Kim Stanley Robertson) das Gegenteil bewiesen. Sie vermögen die gegenwärtigen Herausforderungen der Klimakrise auch ohne belehrenden Unterton in eine nahe Zukunft zu extrapolieren, haben sich als Bestseller erwiesen und schaffen es, die zugrunde liegenden Probleme differenziert darzustellen. Wird Termination Shock den Qualitätsansprüchen dieser „new wave of climate fiction“ (Alessandra Ress) gerecht?
Neil Stephenson hat er mit seinem 1992 publizierten Roman Snow Crash und anderen Büchern bestimmte Begrifflichkeiten zeitlich vorweggenommen (Metaverse, Avatar Kryptowährung) und wird als einer der Begründer des Cyberpunk bezeichnet. Seine Bücher sind ein immer wieder gern beäugtes Reservoir für Zukunftsvisionen. Termination Shock sei, wie der Bucheinband reisserisch anmerkt: „Genial und prophetisch“.
„Termination Shock“ mag so ein zukunftsweisender Begriff sein, „Geo-Engineering“ ebenso. Rund um beide Begriffe baut der Erzähler seine mitunter ausufernde Handlung auf. Wir befinden uns in der nahen Zukunft: immer wieder von neuen Covid – Epidemien heimgesucht, ist die USA ein „komplett wahnsinniges und aus dem Ruder gelaufenes Land, nicht imstande sich selbst zu kontrollieren“. Ein Milliardär aus Texas (mit unverwechselbaren Zügen von Elon Musk) nutzt dieses Vakuum. Er verfolgt, angesichts der sich verschärfenden klimatischen Bedingungen (Hitzewellen, Überschwemmungen, Ansteigen des Meeresspiegels, Hurrikans) ein ambitioniertes Solar-Geo-Engineering Projekt. Mittels einer tief in Felsen eingelassene Raketenbasis, die er in der Chihuahua – Wüste errichten lässt, wird mittels Raketen Schwefel in der Atmosphäre verteilt. Das soll Sonnenstrahlen reflektieren und so zu einer Abkühlung des Klimas führen. Ein günstiger Nebeneffekt sind die sich durch diese „Klimaregulierung“ steigenden Grundstückspreise rund um Houston von denen der Milliardär profitieren wird. Käme es aber zu einem abrupten Abbruch des Geo-Engineerings, befürchtet man eine dramatische Umkehr der erreichten Klimaeffekte: „Im Grunde geht es um die Frage, welche Konsequenzen es möglicherweise hat, wenn man das System abschaltet, nachdem es eine Weile gelaufen ist.“ Trotzdem wird das Projekt umgesetzt. Der Milliardär versucht auch, diskrete Allianzen mit Vertretern anderer Länder zu schmieden, um sie zu ähnlichen Projekten zu überreden. Die Grundannahme besteht darin: Für die „vorläufige“ Rettung der Welt komme nur kapitalintensives Geo-Engineering in Frage, betrieben durch das Engagement kapitalkräftiger Einzelpersonen und mit Unterstützung durch die jeweiligen Regierungen.
Damit sind wir zum Kern des Buches gekommen: eine kleine Gruppe politisch und ökonomisch Mächtiger versammelt sich zu diesem Projekt zum angenommenen Wohle der Menschheit. Die langwierige, aber immerhin demokratisch legitimierte Entscheidungsfindung durch gewählte Institutionen wird von diesem kleinen, elitären Kreis hintertrieben. Die Macher sind nun am Zuge. Das aber ist nicht die Klimazukunft, von der man träumen möchte. Bald schon gerät das Vorhaben unter den Einfluss eines politischen Machtspiels, das von den Grossmächten Indien und China betrieben wird. Diese fürchten negative Konsequenzen für das Klima ihrer Länder.
Das eröffnet viel Platz für das Heldentum mancher Akteure: einer selbstbewussten Königin, einem einsamen Abenteurer mit indigenem Hintergrund, einer Martial – Arts – Legende und einem verschrobenen Milliardär, der seine techno – faschistoiden Träumen verfolgt. Unterstützt werden die Held*innen von einer Entourage, die zur Behübschung und Erbauung der Protagonist*innen dient und ständig in endlose Gespräche verwickelt ist. Feindliche Agenten huschen durch die Szene und haben militärische Überraschungen im Gepäck. Jene Menschen, die unter den direkten Auswirkungen der Klimakatastrophe und des Geo-Engineerings leiden, bekommen vom Erzähler jedoch keine Rolle zugedacht. Sie verkommen zu Statisten einer von der politischen Elite veranstalteten Seifenoper.
Zu Erzählen gibt es aber viel. Hunderte von Seiten dieses nun doch sehr voluminösen Buches sind der Exposition der Handlung gewidmet. Da werden Biographien haarklein erzählt, technische Begriffe erklärt, historische Kontexte ausgebreitet und vor allem mit skurrilen Versatzstücken geprahlt. In der Landschaft tummeln sich Methodon – süchtige Krokodile, menschenfressende Wildschweine, Klimaanlagen verstopfende Feuerameisen, Dronen jagende Steinadler und überhebliche Protagonist*innen in Earthsuits. Zugegeben, manche Ausführungen mögen auf den ersten Blick originell erscheinen, doch je länger wir in diesen Kontexten verweilen müssen, fragen wir uns: Wohin geht die Reise? Es ist der Fabulier- und Recherchier – Freudigkeit des Autors geschuldet, dass wir mit vielen unnötigen Nebenschauplätzen und blinden Motiven konfrontiert werden. Zu guter Letzt gibt den unvermeidlichen High Noon, einen Shoot Out der Helden unter sengender Sonne, fast wie im Film orchestriert: Glitzernder Schwefel, mit Uran angereicherter Kobalt und glühende Hitze in einer abstrusen Gemengelage von Drohnen, Steinadlern, Klapperschlangen, Helden und Cyborgs. Erschöpft darf man sich fragen: War das nun „prophetische“ Climate Fiction?
Zugegeben, dieses Genre muss nicht tiefernst daherkommen, aber der schnoddrige und zynische Tonfall stört doch sehr, zumal er die Zukunft der Menschheit zu einer Kulisse für texanischen Männerwahn verformt: mit cool – lässigen Bemerkungen über den desaströsen Zustand der Welt. Es darf also (fahr-) lässig gescherzt werden, auch wenn das auf die Kosten des Themas und der Ernsthaftigkeit eines Anliegens geht. Über den Sturm auf das Kapitol heisst es etwa: „Sie zogen einfach weiter, nachdem sie es der Demokratie gezeigt und sich ein paar Polizisten-Skalps gesichert hatten, und verschwanden wieder in ihren nomadischen Trailerpark – Lagern“. Grüne Bewegungen verkommen so zu Träumern und Anbeter*innen der Erdgöttin. Das mag wohl an den Lagerfeuern im Cowboy – Land als Gesprächsstil durchgehen, in der Literatur desavouiert der Erzähler damit aber sein eigentliches Vorhaben: ein konzises Stück Fiktion vorzulegen. Wenn Zynismus schon die Haltung von Protagonist*innen sein soll, dann sollte sich der Erzähler doch von ihnen distanzieren, anstatt ihren Launen völlig zu verfallen.
Termination Shock ist ein barock erzählter, weit ausholender Roman über die Auseinandersetzungen um ein Geo-Engineering Projekt der nahen Zukunft. Für Fans der Bücher von Neil Stephenson wohl ein Muss, für jene, die ein ernstes und konstruktives Stück Climate Fiction ohne ständige Spötteleien erwarten, wahrscheinlich enttäuschend. Ob dieser Roman eine interessante Alternative zu bisher vorgelegten Klima-Narrativen sein kann, ist mehr als fraglich. Oder, wie Rebecca Evans 2022 in der Los Angeles Review on Books fragt: Sind es wirklich die Narrative von irregulären Grossprojekten, über die wir in einer Climate Fiction lesen wollen?
[Dieser Beitrag wurde 2024 erstmals auf Literatopia veröffentlicht.]

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