Wandelnde Bäume, wundersame Schmetterlinge, Rehe, die sich in Ziegen verwandeln, und eine Katze, die ein unaussprechliches Geheimnis birgt: Wu Ming-Yi hat mit „Der Mann mit den Facettenaugen“ eine faszinierende Romanwelt geschaffen, in der Klimakollaps, indigene Mythen, Identität und existenzielle Gefühle den Hintergrund für eine vielschichtige und raffinierte Erzählung bilden. Darin begegnen sich die lebensmüde Akademikerin Alice und der in den Tod verstossene Indigene Atile’i, nur um sich wieder zu verlieren. Die Welt wird sich in der Zwischenzeit radikal verändern. Visionäre Fantastik und harten Realismus verbindet Wu Ming-Yi auf unnachahmliche Weise zu einem literarischen Tsunami, in dem der geheimnisvolle Mann mit den Facettenaugen ein Schicksal vorhersagt, das erst mit dem Buch im Buch, das Alice zu schreiben beginnt, um den Tod ihres Sohnes zu verstehen, in Gang gesetzt wird. In dieser fantastischen Spannung zeigt sich ein hintergründiger, politisch bewusster Roman, der tief in ökologischen Belangen und Fragen indigener Identität verankert ist.

Buchtitel: Der Mann mit den Facettenaugen
Autorin: Wu Ming-Yi
Erscheinungsjahr: 2022
Sprache: Deutsch
Übersetzung aus dem Chinesischen: Johannes Fiederling
Verlag: Matthes & Seitz
Seiten: 317
ISBN 978-3-7518-0069-3
Originaltitel: 複眼人
Erscheinungsjahr Original: 2011
Rezension
Erschienen ist das Buch erstmals 2011 unter dem Titel “The Man with Compound Eyes”. Der Roman wurde in 10 Sprachen übersetzt, 2022 erschien der Roman im Deutschen, übersetzt durch Johannes Fiederling. Der 1971 in Taiwan geborene Autor Wu Ming-Yi ist Autor, Literaturwissenschafter und ein in seinem Land bekannter Umweltaktivist.
Eingangs bestimmen zwei sehr unterschiedliche Handlungsstränge das Buch. Ein indigener Jugendlicher namens Atile’i wird wegen der Knappheit verfügbarer Ressourcen als zweitgeborener Sohn im Meer ausgesetzt. Er gehört zum Stamm der Wayo Wayo, einer von der Aussenwelt isolierten Inselbevölkerung. Als er droht, mit seinem sinkenden Boot im Meer zu ertrinken, kann er sich schwimmend auf eine auf dem Meer treibenden Terppich aus Plastikmüll retten. Auf solch einem Vortex treibt er dahin, sich aus Müll eine Hütte bauend, Regenwasser trinkend und Fische essend, die sich im Müllteppich verfangen haben. Der Vortex ttreibt auf Taiwan zu. Ein Stück des Weges begleiten Atile’i die Geister Ertrunkener.
Alice wiederum ist eine Literaturwissenschafterin, die auf Taiwan lebt und akribisch ihren Freitod plant. Ihr Lebensgefährte und der gemeinsame Sohn sind bei einem Bergunfall ums Leben gekommen. Ein Weiterleben ohne die Vermissten erscheint ihr unvorstellbar. Dann wird eines Tages ihr Strandhaus von einer Flutwelle überschwemmt, sie haust dort mitten im Wasser, isoliert von der Umwelt, aber nicht bereit, ihr Haus zu verlassen. Eine kleine Katze hat vor den Fluten in ihr Haus gerettet. Alice gibt ihren Plan vom Freitod auf. Schliesslich, als die Katze auf unerklärliche Weise aus dem Haus verschwindet, verlässt auch sie es auf der Suche nach ihr.
In weiterer Folge führen beide Handlungsstränge zueinander. Der Müll-Vortex, auf dem Atile’i treibt, trifft, bedingt durch die Flutwelle, auf die Insel und verschmutzt weite Teile der Küstengebiete. „Der gigantische „Müllstrudel“ im Pazifischen Ozean war dabei, auseinander zu brechen, und einer seiner Ausläufer driftete auf die heimische Küste zu.“ Mit ihm landet auch Atile’i und trifft auf Alice, die im unwirtlichen Landsinneren ihre Katze sucht.
Inmitten dieser vielschichtigen Katastrophe aus Erdbeben, Überschwemmung und Verschmutzung durch Plastikmüll finden Alice und Atile’i zu einer Schicksalsgemeinschaft zusammen. Beide können einander zunächst kaum verstehen. Sie versuchen aber, nach anfänglicher Sprachlosigkeit und Angst vor einander, gemeinsam mit ihren Leben zurechtzukommen. Sie fliehen in eine Berghütte, die für sie zum Zufluchtsort ihres existenziellen Ausnahmezustands wird. Um den Tod ihres Sohnes zu verarbeiten, beginnt Alice dort ein Buch zu schreiben. Atile’i hingegen bemalt seinen Körper mit den Geschichten, die er in der ihm völlig fremden Kultur erlebt. Er sehnt sich nach seiner Geliebten, die er in seiner Heimat zurücklassen musste. Alice und Atile’i sorgen mehr und mehr für einander. Sie entziffern die unbekannte Sprache und Kultur ihres Gegenübers und beginnen, dessen Schicksal zu verstehen.
In dieses Beziehungsgeflecht sind auch die Schicksale einer Vielzahl anderer Personen verwoben, auch sie betroffen von den Auswirkungen der grossen Katastrophe. Die wird zum bestimmenden Faktor des Romans und der darin exponierten Existenzen. Hafay etwa, die mit den Ersparnissen aus ihrer Tätigkeit als Masseurin in einem Erotiksalon ein kleines Restaurant unweit von Alices Haus errichtet hat, es aber ebenfalls an die Fluten verliert. Dann gibt es auch noch das Schicksal der Meeresbiologin Sarah, Tochter eines passionierten Walfängers, die an den Stränden Taiwans die Auswirkungen des aus dem Meer angespülten Mülls auf die Umwelt der Küstenregionen untersucht. Viele andere Figuren könnten hier noch erwähnt werden, alle mit grosser Sorgfalt beschrieben. Ihre Geschichten sind Mosaiksteine zur Beschreibung einer dystopischen Welt.
So entsteht ein Roman, der die verschiedenen Ebenen des Lebens im verwüsteten Taiwan abzutasten versucht. Die Mythen der indigenen Urbevölkerung werden dabei ebenso erzählt wie die Geschichten einer mit der Umweltkatastrophe konfrontierten modernen Welt. Das Leben wird als unentrinnbares Schicksal erfahren, das rücksichtslos auf das nächste Unheil zusteuert. Der an vielen Stellen des Buches auftauchende, geheimnisvolle Mann mit den Facettenaugen beobachtet ohne Empathie das Leben der Menschen: Er wird zum Symbol für die Natur selbst, die dem Treiben der Menschen mit gelassener Ernsthaftigkeit gegenüber steht. „Zusehen ohne einzugreifen. Allein dazu bin ich da“, sagt der Facettenäugige, auf seine Augen deutend.“ Nichts von dem, was sich um die handelnden Personen zusammenbraut, kann abgewendet werden. Die Menschen sind zu sehr in ihren Nöten verstrickt, um wirkungsvoll und strategisch handeln zu können.
„Der Mann mit den Facettenaugen“ ist ein sehr lesenswertes Buch, das durch seine intensive Sprache, den elegant ineinander verschränkten Erzählebenen und seinen magischen Realismus besticht. Es verschränkt die Monstrosität einer umfassenden Klimakatastrophe mit den Mythen und Motiven individuellen Lebens. Beeindruckend dabei ist die kühle, unbeteiligt wirkende Sprache. Es gelingt dem Autor, von der individuellen Befindlichkeit seiner Romanfiguren auf den allgemeinen Zustand der Gesellschaft zu verweisen.
Leider macht der Erzähler an einigen Stellen den Fehler, seine Leser:innen bevormunden zu wollen, indem er über theoretische Belehrungen zur Klimakrise hinreissen lässt und damit die Poetik des Buches konterkariert. Gebrauchstexte der Umweltbewegung schleichen sich ins Erzählen ein. Aus einer Parabel über das Leben im Anthropozän wird ein stellenweise plakativer Aufklärungstext eines Umweltaktivisten, der der Autor ja auch ist. Sind die Leser*innen umweltpolitisch tatsächlich so unbedarft? Entschuldigend muss man hinzufügen, dass der Originaltext vor mehr als 13 Jahren erstmals publiziert wurde.
Man kann trotzdem zur Lektüre dieses Buches raten. Es macht ein wenig sprachlos, weil es sich den Kategorien gegenwärtiger Literaturkritik entzieht. Es macht ratlos, weil uns die Welt als selbstgewähltes, aber nicht veränderbares Schicksal begegnet. Es macht verzweifelt, weil die Welt so ist, wie sie ist. Am Ende des Buches erinnert sich Hafay an die Zeilen eines Songs von Bob Dylan: „A Hard Rain’s a-Gonna Fall“. Dylan hatte sich dazu nach dem ausgiebigen Studium von Zeitungsartikeln inspirieren lassen. Er schreibt in seinen Memoiren:
After a while you become aware of nothing but a culture of feeling, of black days, of schism, evil for evil, the common destiny of the human being getting thrown off course. It’s all one long funeral song.
Und das mag wohl als Motto dieses grossartigen Buches gelten. Es erzählt von einer Welt mit machtlosen Menschen in düsteren Zeiten.
Dieses ungewöhnliche Buch sei jedem empfohlen, der sich für das Genre des Nature Writing bzw. der Climate Fiction interessiert. Ein sehr lesenswertes Buch über die Exponiertheit der Menschheit angesichts der Bedingungen, die sie selbst befördert hat. Vielfach als Beispiel für Magischen Realismus gehandelt, stösst das Buch immer wieder an die Grenzen einer unausweichlichen und verheerenden Realität.
[Dieser Beitrag wurde 2024 erstmals auf Literatopia veröffentlicht.]

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